André Kostolany selbst sprach von einem seiner spektakulärsten Erfolge. Erzockt mit Staatsanleihen, die zum Teil älter waren als der legendäre Börsenzauberer selbst. Zu Spottpreisen hatte er sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Schuldscheinen des russischen Zaren eingedeckt, ausgestellt noch vor der Oktoberrevolution 1917. Danach hatte Lenin sämtliche Zins- und Rückzahlungsforderungen für nichtig erklärt und die Gläubiger – vor allem Franzosen – auf ihren wertlos gewordenen Papieren sitzen lassen. Die Kurse fielen ins Bodenlose, und nicht wenige Anleihen landeten wahrscheinlich auf dem Müll. Doch auf den Kurszetteln der Pariser Börse notierten sie weiter, und die Papiere lagen auch immer noch in den Tresoren der staatseigenen französischen Eisenbahngesellschaften.

Kostolany war davon überzeugt: Nach dem Zusammenbruch des riesigen Sowjetreichs würde Russland zurück auf den internationalen Kapitalmarkt streben. Dazu musste das rohstoffreiche Land seine Altschulden regeln, wer auch immer sie wann auch immer gemacht hatte. Der gebürtige Ungar beschloss, die Papiere einzusammeln – zum Preis von etwa einem Prozent ihres Nominalwerts. Mitte der neunziger Jahre hätte sein Stapel zwischen 15 und 25 Kilogramm auf die Waage gebracht, berichtete er. Schließlich einigte sich die russische Regierung, auf Druck der französischen, mit den Anleihegläubigern auf einen Vergleich. Wie viel Gewinn Kostolany genau machte, ist nicht bekannt; er selbst behauptete, 6000 Prozent erspielt zu haben.

Staatsanleihen sind heute keine Ehrenschulden mehr. Die Blütezeit der sicheren Anlage ist beendet, der Bullenmarkt an den Rentenmärkten vorbei, davon ist auch Bill Gross überzeugt, der mächtige Mann hinter Pimco, dem größten Anleihefonds der Welt.

Dabei ist der drohende Staatsbankrott keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Die staatlichen Schuldscheine – erfunden als prestiti oder prestanze im mittelalterlichen Italien, um Kriege zu finanzieren – sind in ihrer 700-jährigen Geschichte längst nicht immer zurückgezahlt worden. Doch die zahlungsunfähigen Fürsten fanden in den meisten Fällen einen Weg, ihre Gläubiger doch noch irgendwie zufriedenzustellen. Zumindest dann, wenn ihr Staat nicht in den Kriegswirren unterging und überlebte. Schließlich hätte ihnen sonst keiner mehr Geld für den nächsten Feldzug gepumpt. Dieser Bedarf nach frischem Geld, wenn auch nicht für militärische Eroberungen, zwang schließlich auch vor anderthalb Jahrzehnten Russland, André Kostolany noch reicher zu machen.

Eine Art Gentlemen’s Agreement nennt das Martin Faust, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Neue Regenten fühlten sich verantwortlich für die Verbindlichkeiten ihrer Vorgänger, und die Investoren machten deutlich, dass sie erst dann wieder die Schatulle öffnen würden, wenn die Altschulden beglichen seien. Heute hingegen, glaubt der Wissenschaftler, habe sich die Mentalität der nur auf einige Jahre gewählten Regierungen gewandelt, die meisten Politiker zögen den kurzfristigen Machterhalt und die dazu nötigen Wahlgeschenke einer langfristigen und schmerzhaften Haushaltskonsolidierung vor.

Aber auch die Investorenseite hat sich anonymisiert. Aus einem Klub von Geldgebern, der eben auch den Geldhahn zudrehen und so die Rückzahlung der Schulden erpressen konnte, sind anonyme Kapitalmärkte geworden, die kaum sanktionieren und nur ein kurzes Gedächtnis haben. Ein Land wie das im Jahr 2002 erst pleitegegangene Argentinien kann längst wieder die Finanzmärkte anzapfen. Zahlt ein düpierter Gläubiger nicht, findet sich schnell ein anderer Investor, der eine Gewinnchance wittert. Der Grund sei »die riesige Menge liquiden Kapitals auf den Märkten«, sagt Faust. Er wählt das Bild von Drogensüchtigen und einer Heerschar von Dealern mit praktisch unbegrenztem Angebot: auf der einen Seite die Staaten, die zum Teil sehr sorglos Schulden machten – die Länder der Euro-Zone haben gemeinsam sieben Billionen Euro aufgehäuft – und auf der anderen Seite das Geld vor allem der großen Lebensversicherer und Pensionskassen, die auf die scheinbar risikolose Anlageform angewiesen waren und den Finanzhunger der Staaten jahrzehntelang bedenkenlos stillten.

Rational ist das nicht: Denn der entsolidarisierte Kapitalmarkt leidet im Angesicht der weltwirtschaftlichen Verflechtung weitaus stärker unter der drohenden Zahlungsunfähigkeit eines Großschuldners als früher. Früher waren die Auswirkungen begrenzt: Meist trugen die eigenen Bewohner die Hauptlast der Kredite. Die weltweite Diversifikation betrifft aber nicht nur die Großinvestoren, sondern auch den Kleinanleger. Denn zumindest in der Euro-Zone musste der Anleihekäufer nicht mehr auf das Währungsrisiko schauen und konnte daher bedenkenlos auch fremden Regierungen sein Geld leihen. Warum zum Beispiel sollte ein Deutscher sein Geld seinem Heimatland leihen, wenn er auch griechische Staatsbonds mit höherer Rendite kaufen konnte?

Das Ergebnis könnte man auch eine Rückkehr zur Normalität nennen. Es gibt keine risikolosen Anleihen mehr, die man sich ins Depot packen und dort für den Ruhestand liegen lassen kann. Gab es sie je? Oder war ihre vermeintliche Sicherheit nicht genauso Folge eines psychologischen Phänomens wie ihre heutige Gefahr? Wer analysiert, wann Anleihekurse ins Wanken geraten und wann nicht, könnte zumindest darauf schließen. So liegt Italiens Staatsverschuldung bei rund 120 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts, Japan steht derweil mit 220 Prozent in der Kreide und ist bisher noch nicht ins Visier der Finanzmärkte geraten.

Dass die Gesetzgeber den Banken für die Investition in Staatsanleihen erlaubten, dafür kein Eigenkapital vorhalten zu müssen, war nicht nur eine Folge der Risikolosigkeit dieser Anlage, die auf der erstklassigen Bonität der Industriestaaten beruhte. Daneben begründet sich die fehlende Vorsorge für den Ernstfall auch im Zweckbündnis zwischen Banken und Staaten. Welcher Kreditnehmer hat schon ein Interesse daran, es dem Kreditgeber schwer zu machen, ihm Geld zu leihen? Oder ihm die Risiken dieses Kredits mehr als nur deutlich vor Augen zu führen?

Wenn die Anleihe heute aber auch nur noch ein Investment wie jedes andere mit seinen jeweils spezifischen Chancen und Gefahren ist, dann wirft das eine ganz andere Frage auf. Wohin schieben die Pensionskassen und Lebensversicherer nun das Geld ihrer Sparer – ihr Geschäftsmodell ist ja auf die praktisch risikolosen Anlagen angewiesen. Wohin ihr Geld künftig fließen und was es dort anrichten wird, dieses Problem ist bisher ungelöst.