Herr Prof. Hennicke, die Internationale Energie-Agentur (IEA) hat kürzlich verkündet, dass der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß im vergangenen Jahr um fünf Prozent gestiegen sei. Geht das so weiter, erreichen wir in diesem Jahr jene 32 Giga-Tonnen, die wir eigentlich erst 2020 hätten verbrauchen dürfen. Eigentlich können wir das Gespräch gleich wieder beenden.
Lassen Sie uns genau deswegen darüber reden.
IEA-Chefökonom Fatih Birol sagt, das Zwei-Grad-Ziel sei nur noch reine Utopie.
Birol hat insofern recht, dass es immer schwieriger wird, es zu erreichen. Ich bin trotzdem dagegen das Ziel aufzugeben. Wir haben gerade erst dramatische und schnelle politische Veränderungen in Nordafrika erlebt, die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat eine Zeitenwende in der internationalen Energiepolitik eingeläutet. Es besteht durchaus noch Hoffnung auf beschleunigte globale Prozesse. Begreifen wir nur durch Schmerzen?
Vielleicht ist Fukushima das 9/11 unseres Energiesystems. Die Bilder von den rauchenden Reaktoren wirken nach im kollektiven Unterbewusstsein und waren für Milliarden Menschen ein Menetekel, das ihnen die Risiken eines hoch technisierten, aber menschenverachtenden Energiesystems bewusst gemacht hat.
Die Staatengemeinschaft ist weit davon entfernt, mit ihren angekündigten Emissionszielen auch nur annähernd die nötigen Schritte für die Erreichung des Zwei-Grad-Zieles einzuleiten.
Die Frage, ob wir dafür noch Zeit genug haben, kann man resignativ mit nein beantworten. Es gibt aber auch beim sozialem Wandel so genannte „Tipping Points“, analog zu den Kippmomenten beim Klimasystem, wo es ganz plötzlich sehr schnell zu Veränderungen kommen kann und sich gesellschaftliche Transformationen beschleunigen.
Eine vernünftige Klimapolitik braucht schnell eine wachsende globale Solidarität, weil zumindest dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) zufolge 98 Prozent der zusätzlichen Emissionen von den Entwicklungs- und Schwellenländern ausgestoßen werden. Am Beispiel des in Cancun beschlossenen Green Climate Fund wird allerdings sichtbar, dass sich der Konflikt zwischen den Geber- und Nehmerstaaten seit Kopenhagen eher noch verschärft hat.
Abzuwarten, dass globale Solidarität zu einem weltweit abgestimmten neuen Klimaschutzregime führt, dauert viel zu lange. Wir brauchen bi- und multilaterale Partnerschaften zwischen denen, die freiwillig vorangehen. Nötig sind vor allem Strategien, die Entwicklungs- und Schwellenländern demonstrieren , dass Klimaschutz zwar ein notwendiger „Nebeneffekt“ für die Weltgemeinschaft ist, aber angepasste Technologien für den Klima- und Ressourcenschutz vor allem den Weg aus der Armut und zur Nachhaltigkeit ebnen. Wenn man etwa die 1,6 Milliarden Menschen ohne Strom mit solar- und batteriebetriebenen LED-Leuchten versorgte, klingt das angesichts der Entwicklungsprobleme vielleicht unbedeutend. Aber es wäre ein Entwicklungssprung: Tausende Frauen in Afrika müssten dann nicht mehr Brennholz sammeln, ihre Kinder könnten leichter lesen lernen und Kleinunternehmer könnten ihr Geschäft auch abends betreiben.
Auch dafür brauchen Sie Geld. Der Green Climate Fund hat aber noch nicht einmal eine Organisationstruktur, geschweige denn eine Ahnung, wie er die beschlossenen 100 Milliarden Dollar eintreiben soll.
Eines der Hauptprobleme ist, dass wir bis heute den ideologischen Geburtsfehler des Kyoto-Protokolls nicht korrigiert haben. Wir reden noch immer über „Burden-sharing“, die Verteilung von Lasten. Wir tun also immer so, als ob Klimaschutz eine enorme Last sei, und streiten über deren Verteilung. Dabei wären für den Weg in eine nachhaltigere, demokratischere und vielfältigere Energieversorgung ohnehin dieselben Maßnahmen und Technologien notwendig, die auch das Klima schützen. Ich spreche daher lieber über eine verantwortliche Form der Gewinnverteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern durch eine nachhaltige Ressourcenwende.
Eine Gruppe von Nobelpreisträgern hat kürzlich im Stockholm-Memorandum gefordert, dass es um mehr gehen solle als nur um grünes Wachstum: um eine generationsübergreifende Demokratie, in der Naturkapital wie das Finanzkapital in wirtschaftliche Entscheidungen einberechnet werden muss, damit die Gegenwart nicht länger auf Kosten der Zukunft lebe.
Es wäre ein erster bedeutsamer Schritt, die externen Kosten für fossile und nukleare Energie in die Preiskalkulation einzubeziehen. Erst dann könnte man beim Energiemarkt von einem echten Markt sprechen. Wir sind als Weltgemeinschaft süchtig und abhängig von zu billigen Energiepreisen. Neue Schätzungen über die Kohleverstromung aus den USA beziffern die externen Kosten auf zehn bis 30 US-Cents pro Kilowattstunde. Für Atomenergie liegt die Bandbreite bei 50 bis 250 Euro-Cents, wenn zum Beispiel ein Super-Gau in Biblis passieren würde. Kohle- und Atomstrom wären also auf wirklichen Märkten nicht wettbewerbsfähig.
Bleiben wir beim Status Quo. Laut WBGU summieren sich die jährlichen Subventionen für fossile Energieträger auf bis zu 800 Milliarden Dollar. 2004 gaben die ärmsten Länder der Welt 100 Milliarden Dollar mehr für Energieimporte aus als 2003, mehr als die jährliche Entwicklungshilfe aller Industriestaaten zusammen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer laufen sehenden Auges ins Verderben. Wer soll sie davor bewahren?
Es wird darauf ankommen, die Millionen positiver Beispiele, die wir weltweit haben, so durch Anreize und Leitplanken hoch zu skalieren, dass sie sich in der Breite rechnen und damit zur Nachahmung auffordern. Nur brauchen wir dafür weit pro aktivere Politik, zumindest eine deutlich stärkere Anreizregulierung in Richtung Nachhaltigkeit. Was uns beim Klimaschutz enorm zurückgeworfen hat, war die kontraproduktive Phase der sogenannten Liberalisierung und Deregulierung, wodurch das reale Marktversagen auf den Energie-„märkten“ nur verfestigt wurde.
In Afrika, Asien oder Lateinamerika halten sich unsere Leitbilder hartnäckig in den Köpfen der Eliten.
791 Millionen Afrikaner verbrauchen zusammen genommen etwa so viel Strom wie die 19,5 Millionen New Yorker. Solange der reiche Norden vorlebt, dass es scheinbar darum geht, den „American way of life“ so schnell wie möglich zu kopieren, hat eine wachsende Weltgemeinschaft keine Überlebenschance. Wir brauchen gesellschaftliche Dialoge darüber, wie man von Anfang an vermeidet, dass Entwicklungs- und Schwellenländer in die Energie verschwenderischen Infrastrukturen investieren, aus denen der reiche Norden gerade mit hohen Kosten wieder auszusteigen versucht. Etwa durch gestaffelte Tarifsysteme, in denen diejenigen, die wenig Energie brauchen, geringere Preise bezahlen als diejenigen, die mehr verbrauchen. Oder durch Informations- und Anreizsysteme, damit der anfängliche Mehraufwand für energieeffiziente Gebäude, Fahrzeuge, Prozesse und Geräte sich schneller durch die eingesparten Energiekosten amortisiert. In China etwa wächst das Bewusstsein , dass sich dieses Riesenland in seiner Entwicklung selbst blockiert, wenn es nicht das ressourceneffizienteste der Welt wird – weniger aus ökologischer Einsicht, sondern aus purer wirtschaftlicher Notwendigkeit.
In Ihrem Buch, „Energierevolution“ zielen Sie stärker auf Energieeffizienz, vor allem bei der Gebäudesanierung, ab als auf den Ausbau Erneuerbarer Energien. Welche dieser beiden Säulen des Klimaschutzes halten Sie für effektiver?
Alle Szenarien, die Klimaschutz ernst nehmen, bewerten Effizienzmaßnahmen als vorrangig. Daher sollt man eigentlich kein Projekt für Erneuerbare Energien mehr planen, ohne gleichzeitig die forcierte Umsetzung der Energieeffizienz mit einzubeziehen. Reale Energiesysteme sind jedoch angebotsgetrieben, weil die mächtigeren Akteure Energiemengen produzieren und verkaufen wollen. Es geht aber nicht um billige Kilowattstunden, sondern um das Paket aus Menge und Preis, dass möglichst naturverträglich und preiswert sein muss, sowohl für die Industrie als auch für die Verbraucher. Solange Energiesparen billiger ist als Energie zu produzieren – und das ist die Regel – sollte volkswirtschaftliches Kapital in Richtung Vermeidung von Energieangebot gelenkt werden.
Sie sprechen von der Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch.
Ja, dafür müssen wir erstens alle Ressourcen effizienter einsetzen , also aus jeder Kilowattstunde mehr Wirtschaftsleistung generieren. Und zweitens, das ist der weit komplexere Teil, wäre eine doppelte Entkopplung einer wachsenden Lebensqualität von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch notwendig.
…also aus jeder Einheit Bruttoinlandsprodukt mehr Lebensqualität für alle raus zu pressen.
Nicht pressen, sondern mehr gutes Leben für alle aus weniger Naturverbrauch gewinnen. Das setzt allerdings einen Paradigmenwechsel voraus. Seit Jahrzehnten wächst zwar die Wirtschaft in den OECD-Ländern, die Lebensqualität bleibt dabei aber relativ konstant. Das bedeutet, dass Wirtschaftswachstum nicht mehr bei den Menschen ankommt. In einen gesellschaftlichen Diskurs über reale Lebensqualität für alle in Deutschland einzusteigen, aber auch mit den „neuen Konsumentenklassen“ in den Schwellenländern, halte ich für zentral. Ich bin nicht sicher, ob dabei immer Konzepte über nachhaltiges Konsumieren und Produzieren entstehen werden, die aus dem Westen kommen. Vielleicht übernehmen wir irgendwann auch Lebensformen und Kulturen aus dem Süden, also eine kosmopolitischere Vorstellung von Lebensqualität.
Sie rufen nach einem proaktiven Staat, der mit Anreizen für Energieeffizienz und Erneuerbare Energien etwa 20 Jahre überbrücken soll, bis neue Technologien so skalierbar sind, dass sie wettbewerbsfähig sind. Anreize kosten aber Geld, das die Staaten seit 2008 aber zur Rettung ihrer Banken, ihrer Wirtschaft oder ihrer Nachbarländer ausgegeben haben?
Die globalen Nettokosten einer Risiko minimierenden Energiewende, also Mehrinvestitionen in Klima- und Ressourcenschutz minus eingesparte Energiekosten, summieren sich seriösen Szenarioanalysen zufolge auf ein bis zwei Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes – bei aller Unsicherheit darüber, wie sich zum Beispiel die Energiepreise entwickeln werden. Gemessen an den Risiken, die wir dadurch vermeiden, sollten wir uns das leisten. Nur lässt sich die Debatte über die Finanzierung der Energiewende nicht losgelöst betrachten von der Weltfinanzarchitektur. Die wachsende Schere zwischen explodierendem Geldvermögen und Investitionen in Realkapital hat die Finanzkrise erst ermöglicht. Dieser Trend hält an, denn es ist nicht gelungen, Leitplanken durchzusetzen, die die Krisenanfälligkeit der Finanzmärkte reduzieren. Die globale Besteuerung von Finanztransaktionen ist eine logische Konsequenz und eine Mindestvoraussetzung für eine neue Finanzarchitektur.
Sie glauben an die Tobin-Steuer?
Man könnte auch die fossilen Energieträger oder die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter, etwa der Ozeane oder des Luftraums, besteuern oder ein weltweites Emissionshandelssystem einführen. Eine Tobin-Steuer wäre jedoch angesichts der weiter schwelenden Weltfinanzkrise international möglicherweise leichter durchsetzbar, vor allem, wenn sie – durch minimale Steuersätze – nur die 100 Milliarden Dollar pro Jahr einbringen müsste, die wir für den Klimaschutz bräuchten.
Die Finanzlobby ist vielleicht noch mächtiger als die Energielobby.
Aber die berechtigte Empörung über gemeingefährliche Finanzjongleure macht eine härtere Regulierung des Finanzkapitals gesellschaftlich akzeptanzfähig. Die Staatsverschuldung hat in den letzten Jahren eine Dimension erreicht, die die öffentlichen Handlungsspielräume für alle Länder drastisch einengt und vor allem eine erneute Kriseneindämmung mittels gigantischer „Rettungsschirme“ für die Banken ausschließt. Es gibt Signale aus den G20, dass eine solche Finanztransaktionssteuer relativ schnell realisierbar wäre.
Ein globaler Emissionshandel hätte im Gegensatz zur Tobin-Steuer aber den Vorteil, dass es für die externen Kosten dann einen Marktpreis gäbe.
Es schadet auch nichts, ein globales Emissionshandelssystem weiter intensiv anzustreben. Der Emissionshandel ist ein wunderbares, theoretisch elegantes Instrument, aber wir wissen heute, wie das Hauen und Stechen der Lobbygruppen in Europa gelaufen ist. Die Festschreibung einer vernünftigen globalen Obergrenze und deren schrittweise Absenkung sind so komplex und die weltweiten Interessengruppen so mächtig, dass wir als Weltgemeinschaft unmöglich darauf warten können.
Gehen wir mal davon aus, die Tobin-Steuer käme, bleibt die Frage, ob das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird, und letztlich tatsächlich privates Kapital stimuliert?
Ich war vier Jahre lang im Beratergremium der Global Environment Facility (GEF) in Verbindung mit der Weltbank aktiv. Das Problembewusstsein, wie und was man fördern sollte, wie man den privaten Sektor einbindet und Hemmnisse abbaut, so dass Markttransformationen stattfinden, ist dort sehr ausgeprägt. Nur kann die GEF mit einem Budget für gerade einmal 240 Klimaschutzprojekte weltweit nicht wirklich viel bewegen, auch wenn die Erfolgsquoten einzelner Projekte recht hoch waren. Das Klimaschutzbudget der GEF müsste deshalb deutlich aufgewertet werden, mit einem erweiterten Mandat, unter welchem auch die Ausgaben des dann hoffentlich gefüllten Green Climate Fund organisiert werden könnten. Marktwirtschaftliche Mechanismen wie der Clean Development Mechanismus (CDM) könnten das System flankieren, wenn die Nachhaltigkeitskriterien für die geförderten Projekte deutlicher formuliert wären. Vor allem die Bedingung der Zusätzlichkeit muss tatsächlich erfüllt sein. So genannte NAMAs (Nationally Appropriate Mitigation Actions Plans) könnten die Finanzierung von umfangreichen Klimaschutzprogrammen erleichtern, wenn dadurch präzisiert würde, welches Bündel an nachhaltigen Klimaschutzmaßnahmen sich ein Land insgesamt vornimmt.
Eine Struktur, die nicht automatisch vor Missbrauch und Mitnahme schützt.
Davor ist kein Förderkonzept gefeit. Die GEF agiert allerdings länderbezogen mit so genannten regionalen „focal points“, ebenso wie das „Small Grants Programme“ in Kooperation mit United Nations Development Programme (UNDP), die wegen des regionalen Bezugs gut funktionieren. Beide Programme arbeiten vor Ort mit regierungsnahen, aber auch von NGOs unterstützten Experten und Stakeholdern zusammen. Geld soll nur der bekommen, dessen Projekt zusätzlich ist und in die bestehende Nachhaltigkeitsstrategie eines Landes – künftig etwa im Rahmen eines NAMA – passt. Prinzipiell kann dies auch im Wettbewerb wie bei großen Projektfinanzierungen organisiert werden – wer das beste Konzept hat, bekommt den Zuschlag.
Wird die Klimakonferenz Rio+20 im kommenden Jahr in Brasilien erfolgreicher als Kopenhagen 2009?
Bei den stärkeren Triebkräften für eine globale Energiewende, die seit Fukushima und zunehmender Klimaanomalien spürbar sind, wachsen die Chancen. Wir haben jetzt eine Phase erreicht, in der etwa bei der Markteinführung erneuerbarer Energien enorme Beschleunigungen in Gang gesetzt werden können, gerade auch, wenn Deutschland mit gutem Beispiel vorangeht. Was noch fehlt ist eine entsprechende Offensive für forcierte Energieeffizienz und für absolute Energiesparziele durch die Begrenzung von Wachstums-, Komfort- und Luxuseffekten.
Sie sind ein unverbesserlicher Optimist.
Ich bin immer noch besorgter Optimist.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
