Gerhard Knies vergräbt sich hinter dem Turm aus Leitzordnern auf seinem Schreibtisch. Auf dem Boden seines Arbeitszimmers stapeln sich Zeitungsausschnitte, geöffnete Briefe von Botschaftern und Wissenschaftlern liegen verstreut daneben. Für einen Mann in seinem Alter muss er verdammt viel zu tun haben, kein Zweifel, dieser 74-Jährige ist ein gefragter Mann. Mehr als 20 Jahre lang hat der Physiker am Hamburger Teilchenbeschleuniger Desy gearbeitet. Ihn beschäftigt, “was die Welt im Innersten zusammenhält“ – doch damit zitiert er nicht Goethe und meint nicht die Liebe. Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 dämmerte es Knies, dass es so nicht weitergehen konnte, mit diesem unkalkulierbaren Restrisiko. Während eines Sabbat-Jahres Mitte der neunziger Jahre beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) stieß er auf die Zahl, die ihn nicht mehr losließ: sechs. Genauer: sechs Stunden. In dieser Zeit schickt die Sonne mehr Energie in die Wüsten der Erde, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Knies nestelt eine Nordafrika-Karte aus dem Chaos auf seinem Schreibtisch hervor, zeigt auf ein kleines rotes Quadrat in der Sahara. „Diese Fläche reicht aus, um die ganze Welt sicher mit Strom zu versorgen.“ Das Sonnenlicht, das auf drei Tausendstel der 40 Millionen Quadratkilometer Wüsten der Welt fällt, würde ausreichen, jedes Energieproblem der Erde zu lösen.
Knies´ Etagenwohnung in Hamburg-Blankenese ist die Keimzelle eines beispiellosen Projekts. Knies nannte es Desertec und begann Ende der neunziger Jahre durch die Lande zu ziehen. Lange als Spinner verkannt, überzeugte er 2003 erst Umweltminister Jürgen Trittin, Forschungsgelder locker zu machen, und nahm dann auch noch Prinz Hassan von Jordanien, den Ex-Präsidenten des Club of Rome, für seine Idee ein. 2009 schließlich bekam die Munich Re Wind von Knies´ Plänen. Der größte Rückversicherung der Welt spürt schließlich als eines der ersten Unternehmen die Folgen des Klimawandels in seiner Bilanz. Hinter verschlossenen Türen trommelte Munich Re-Chef Nikolaus von Bomhard binnen weniger Monate ein Dutzend Großkonzerne zusammen, und am 13. Juli 2010 inszenierten Siemens, Eon, die Deutsche Bank & Co. Knies‘ Desertec-Vision öffentlich als „das Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“. Wie er die Konzerne überzeugt hat? „Ich habe nur gesagt: Meine Herren, die Rettung der Welt wird Ihr größtes Geschäft.“ So jedenfalls erzählt es Gerhard Knies.
Was danach passierte, scheint ihm Recht zu geben: Gemeinsam gründeten die Konzerne die Desertec Industrial Initiative (Dii) GmbH. Bis 2050 wollen sie bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Wüstenstrom decken, der über Hightech-Gleichstromkabel durch das Mittelmeer transportiert wird. Geschätzte Kosten: 400 Milliarden Euro.
Wer sich ein Bild von der Zukunft machen will, muss in die sengende Hitze Andalusiens reisen. Wie ein Heiligenschein legt sich dort ein gewaltiger Lichtstrahl über die Sierra Nevada. Über 1.000 Spiegel der Anlage „Andasol“ drehen sich der Sonne entgegen, fangen ihr Licht ein und werfen es gebündelt an die Spitze eines Turms, höher als der Kölner Dom. Solarthermische Kraftwerke arbeiten nicht mit Solarzellen, wie sie auf immer mehr deutschen Hausdächern wuchern. Die Spiegel konzentrieren das Sonnenlicht auf das Hundert- bis Tausendfache, um Wasser oder Öl zu Dampf zu machen, der eine Turbine antreibt. Nicht nur unter dem Label Desertec arbeiten Wissenschaftler und Ingenieure weltweit daran, diese Technologie so zu verbessern, dass sie wettbewerbsfähig wird. Doch der Weg dahin ist steinig. Eine Kilowattstunde aus Solarwärme kostet rund 20 Cent, rentable Anlagen müssten mit der Hälfte auskommen. „Wenn es gelingt, die Temperatur zu erhöhen, die das gebündelte Sonnenlicht erzeugt, damit Öl oder Wasser schneller verdampfen, wird sich der Wirkungsgrad deutlich verbessern lassen“, sagt Louy Qoaider vom DLR. „Andasol schafft 375 Grad, die nächste Generation soll bei 500 bis 600 Grad arbeiten.” Und irgendwann seien Temperaturen bis zu 1000 Grad möglich. Der Vorteil dieser Technik gegenüber der Solarzelle: Man kann die Solarwärme über Nacht speichern.
Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Kostenkurven fossiler und erneuerbarer Ressourcen kreuzen. Die Anlagen werden mit jedem Jahr leistungsfähiger und billiger. Verbrauchs- oder Deponiekosten fallen anders als bei Öl, Kohle oder Atomkraft nicht an. Gleichzeitig werden Öl und Gas knapper und teurer. „In zehn Jahren ist die Technik wettbewerbsfähig“, schätzt Qoaider.

Bleibt die Frage, wer diesen Zeitraum mit welchem Geld überbrückt. Knies rechnet mit einer Anschubfinanzierung von 50 bis 100 Milliarden Euro – eine Lücke, die die Wirtschaft nicht alleine schließen zu können meint und die daher die Staatengemeinschaft aufbringen muss. Nur: Wie die Nationen das Geld zusammenbringen sollen, „darüber wird nicht offen gesprochen”, sagt ein leitender Beamter im Bundesumweltministerium (BMU). „Das aber ist die entscheidende Hürde.”

Die politischen Barrieren aus dem Weg zu räumen, dürfte schwieriger werden, als die Technologie marktfähig zu machen. Allein deshalb, weil nicht wenige Nordafrikaner befürchten, dass „die Europäer ihnen nach dem Öl auch noch die Sonne wegnehmen“, sagt Qoaider. Die Eliten sind skeptisch, ob es den Europäern dabei um „eine faire Entwicklung für alle Staaten und Menschen dieser Erde“ geht, wie es Thiemo Gropp, Vorstand der Desertec-Stiftung, ausdrückt.
Passend dazu hat erst kürzlich eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) im Auftrag der Weltbank ermittelt, dass die lokale Wertschöpfung bei Solarkraftwerken – also der Teil der Einnahmen, der in der Region verbleibt – bei 60 Prozent liegt und dadurch bis 2025 bis zu 80.000 Arbeitsplätze in Nordafrika und im Nahen Osten, der MENA-Region, entstehen könnten. Abdelaziz Bennouna, ehemaliger Generalsekretär des marokkanischen Zentrums für Forschung und Technik, hofft, dass diese Prognose tatsächlich eintrifft. Dass sowohl Europa als auch die MENA-Region von Desertec profitieren: der Norden durch billigen und sauberen Strom, der Süden, weil er mit den Einnahmen aus dem Export den Ausbau der Infrastruktur stemmen kann.
Wie es gehen könnte, wenn Geld keine Rolle spielt, zeigt das Beispiel von Bennounas Heimatland Marokko. König Mohammed VI. will bis 2020 2000 Megawatt Windenergie und 2000 Megawatt Solarenergie installieren, um sein Land unabhängiger von den teuren Energieimporten zu machen. Bislang hat Marokko etwa 95 Prozent seines Energiebedarfs aus dem Ausland gedeckt. Deshalb hat Mohammed VI. im Februar verfügt, gemeinsam mit der Dii Ende 2012 eine Pilotanlage für Solarthermie mit einer Leistung von 500 Megawatt auszuschreiben. Ob sich Marokko allerdings finanziell stärker an Desertec beteiligen will, ließ er offen.
Sollte diese Pilotanlage wirklich gebaut werden, wäre sie das größte Solarkraftwerk der Welt, die Gesamtleistung zehnmal so hoch wie in den Andasol-Kraftwerken in Südspanien. Das hätte Signalwirkung, Marokko würde zeigen, dass diese Technologie auch in einem solchen Land umsetzbar wäre, sagt Wolf Muth, Experte für Klima und Umwelt in der MENA-Region bei der KfW-Entwicklungsbank.
Eine solche Signalwirkung wäre schon deshalb wichtig, weil der politische Umbruch in Nordafrika zumindest kurzfristig zu Verzögerungen bei der konkreten Projektentwicklung führe, sagt Matthias Ruchser vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Mit Ausnahme von Marokko ist die MENA-Region von einem unternehmerfreundlichen Investitionsklima weit entfernt.
„Das kann nur politisch überwunden werden“, sagt Dii-Chef Paul van Son. Ginge es nach ihm, am liebsten über staatliche Einspeisevergütungen nach dem Vorbild des deutschen Erneuerbaren Energiegesetz (EEG), dass über 70 Länder kopiert haben. „Was Besseres zum Ankurbeln einer neuen Industrie gibt es nicht“, sagt van Son. „Unwahrscheinlich“, sagt Ruchser, schließlich sei selbst die EU weit davon entfernt, ihre Einspeisetarife zu harmonisieren. Und ob ein solches Fördermodell überhaupt gebraucht werde, bezweifelt sogar ein Ministerialbeamter im BMU. In ihren nationalen Aktionsplänen für den Aufbau Erneuerbarer Energien hätten schließlich nur Luxemburg und Italien angegeben, Ökostrom aus Nicht-EU-Staaten kaufen zu wollen. Wenn tatsächlich nur zwei der 27 EU-Mitglieder Interesse am Wüstenstrom haben, bleibt Desertec eine Vision.
Es ist Knies´ Vision. Für ihn stellt sich die Frage nicht, ob sie Realität wird. Bis heute hält er die Namensrechte an Desertec. Vom Boden seines Wohnzimmers hebt er ein Papier auf, es ist für den pakistanischen Botschafter bestimmt. „Streng vertraulich“ steht darauf. Knies will Desertec nach Asien exportieren. „Pakistan könnte so etwas aufbauen, 180 Millionen Einwohner, billige Produktionskosten und viel Sonne“, sagt er. Und: China, Japan und Korea könnten gemeinsam ihr Energieproblem lösen. „China produziert in seinen Wüsten Solarenergie, Japan und Korea bauen die Kraftwerke und bekommen dafür günstigen Strom.“