Im Schatten unter den Mangobäumen. Die Frauen haben den Tisch aus Palmenholz mit Baumwolltuch bezogen, und eingedeckt mit allem, was die lehmige Erde am Ende der Trockenzeit noch hergibt. Tomaten, Palmfrüchte, Orangen, Maniok, Reis und Mangos dürfen nicht fehlen. Die Dorfältesten warten auf „Le Loup“, so nennen Wolfgang Hofstätter alle hier. Der Wolf ist der Mann mit dem Sonnenstrom, sie erwarten ihn zurück in Baranlir.
Baranlir liegt im Süden Senegals, in der Casamance, eingeklemmt zwischen Gambia und Guinea Bissau. Die Menschen in den 52 Haushalten hoffen seit Jahren darauf, dass das staatliche Stromkabel den Weg bis in ihr Dorf findet. Hätte Hofstätter mit seiner Firma Kaito ihnen nicht einen Solarkiosk gebaut, hätten sie nicht einmal elektrisches Licht. Hier können sie Solarlampen kaufen oder ausleihen und ihre Handys aufladen. Mehr Strom können die fünf Solarmodule auf dem Kioskdach der Sonne nicht abgewinnen. Fast jeder Dorfbewohner hat schon einmal eine Lampe ausgeliehen, das kostet ungefähr so viel wie ein zweiminütiges Handytelefonat. Aber die Frauen würden außerdem gern ihr Obst und Gemüse kühlen, um mehr davon auf dem Markt in Baila zu verkaufen, der Englischlehrer würde seinen Schülern gerne CDs vorspielen, der Tischler eine Kreissäge betreiben. Und einen Fernseher mit Satellitenschüssel hätten einige Familien auch gerne.
Wolfgang Hofstätter thront hinter der Tafel, seinen khakifarbenen Schlapphut hat er tief ins Gesicht gezogen. Dann erklärt er ihnen, dass sie bezahlen müssen, wenn sie ein Stromnetz haben wollen, redet von Investitionen in die Zukunft und sagt fast schon missionarisch: „Wir bauen nur für Entrepreneure.“ Wer Unternehmer sein will, solle bitte aufstehen.
Das Dorf blinzelt verlegen in die bernsteinfarbene Abendsonne, die Zikaden haben ihr metallisches Lied längst angestimmt. Niemand steht auf.
Die Menschen in Baranlir verstehen nicht — wie auch. Sie sind eine Dorfgemeinschaft, sie leben autark, teilen miteinander und helfen sich gegenseitig. Zwar ändern sich ihre Bedürfnisse und Wünsche mit jedem Besuch in der Stadt oder im Internet und mit jeder Illustrierten, die irgendwie den Weg nach Baranlir findet. Wenn Hofstätter ihnen den Weg zu mehr Energie mit Vokabeln wie Eigenverantwortung und Investitionsrendite beschreibt, ist ihnen das ebenso fremd, wie wenn er sie mit dem Argument zu ködern versucht, dass Solarenergie gut für die Umwelt sei. Das Wort Klimawandel haben sie hier noch nie gehört.
Baranlir könnte ein abgelegenes Dorf in jedem anderen Entwicklungs- oder Schwellenland sein, in Afrika, in Asien oder Lateinamerika. Länder, die heute im Durchschnitt weniger als zwei Tonnen Kohlendioxid pro Jahr und Kopf ausstoßen, deren CO2-Ausstoss in Zukunft allerdings so wie das Wachstum ihrer Bevölkerung explodiert, zumindest, wenn sie weiter den ausgetretenen Pfaden der Industrialisierung folgen. Wenn sie weiter für viel Geld Schweröl importieren, um daraus Strom zu produzieren, den die Regierungen dann mit hohen Subventionen für die arme Bevölkerung bezahlbar machen – anstatt Anreize für eine eigene, unabhängige, saubere und langfristig günstigere Stromproduktion zu entwickeln. Und das, obwohl die Entwicklungs- und Schwellenländer über die Hälfte der globalen Kapazitäten für Erneuerbare Energien verfügen
In einem kleinen Land wie dem Senegal wird sich die Zukunft des Planeten zwar nicht entscheiden, sondern eher in den aufstrebenden Nationen China und Indien. Aber in dem Küstenstaat Westafrikas kann man erfahren, ob es gelingt, dass sich Entwicklungsländer in Zukunft ohne fossile Energie entwickeln. Ob im Klimaschutz eine neue Chance für die Entwicklungszusammenarbeit schlummert. Ob die deutsche Energiewende, der Ausstieg aus der Atomkraft und der Umstieg auf Erneuerbare Energien bis zur Mitte des Jahrhunderts zum Nachahmen einlädt.
Eine Zeitenwende, die Dirk Messner mit der Abschaffung der Sklaverei gleichsetzt. Messner ist seit 2003 Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), seit 2004 sitzt er auch im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU). „Es geht um Klimagerechtigkeit“, sagt er. Und eben nicht allein um technische Innovation und auch nicht so sehr darum, ob eine globale Energiewende bezahlbar wäre – das setze er sowieso voraus. Entscheidend sei die Frage, wer dafür bezahle und wie man die Zeit überbrücke, bis Unternehmen wie Kaito mit Solarmodulen Geld verdienen können.
„In Afrika arbeiten wir bereits kostendeckend“, sagt Wolfgang Hofstätter. Sauberen Strom im Senegal zu verkaufen, das ist kein altruistisches Projekt, sondern das Geschäftsmodell der Kaito Energie AG, die er 2006 zusammen mit seiner Frau Heidi Schiller gegründet hat. Kaito kommt aus der Sprache der Diola, der dominanten Volksgruppe in der Casamance, und bedeutet frei übersetzt: „Steh auf und tu was!“ Knapp 400.000 Euro haben Hofstätter und Schiller gemeinsam mit zehn Aktionären in den Aufbau ihrer Firma investiert. Sie verkaufen Ladestationen für Solarlampen, Solarpumpen für Brunnen, verknüpfen einzelne Haushalte mit einem gemeinsamen Stromnetz, am liebsten gleich komplette Dörfer wie Baranlir. Mittelfristig rechnen sie mit einer Marge von 25 Prozent, eine Gewinnspanne, an die vor drei Jahren noch nicht zu denken war, als sie in Baranlir mit dem ersten Kiosk angefangen haben. „Unser Prototyp“, sagt Hofstätter. „Funktioniert leider nicht wirklich.“
Younouss Diedhiou betreibt ihn. Die Dorfgemeinschaft hat ihn ausgewählt. Früher hat er den ganzen Tag über seine Felder bestellt, jetzt hockt er immer ein paar Stunden hinter dem Tresen und wartet auf Kunden. Umgerechnet 30 Euro zahlt ihm Kaito dafür und eine Provision, wenn er mehr als 75 Euro im Monat einnimmt. Er habe die Zielvereinbarung noch nie erreicht, sagt Hofstätter. Er ärgert sich fast immer, wenn er zum Kiosk kommt. Das Dach ist undicht, obwohl er vor Monaten bereits eine Silikonpistole mitgebracht hat, Younouss hat mal wieder vergessen, das Batteriewasser zu wechseln und die leeren Lampen in die Ladestation zu stöpseln. 20.000 Euro hat Hofstätter für den molkegelben Bungalow ausgegeben. „Heute könnten wir das für 3.000 Euro, preiswert genug, dass wir den Kiosk als ganzes Produkt an einen Unternehmer verkaufen könnten.“ Das sei viel besser als das Provisionsmodell mit Diedhiou. Ohne Eigenverantwortung gehe es schließlich nicht.
Wie zum Beweis führt der Hofstätter in die Krankenstation auf der anderen Seite der staubigen Hauptstraße. Auf dem Dach ein Solarmodul, die Kabel, die zum Stromregler führen, sind herausgerissen, das Wasser der Batterien, die im kühlen Boden lagern, ausgelaufen. „Völlig bekloppt, was die hier machen“, sagt er plötzlich und zetert er sich in Rage, wie immer, wenn er über die Arbeit der NGOs redet. „Gut gemeint, aber schlecht gemacht“, sagt er. Und dann betet er Zahlen von Projekten in Mali runter, wo für 1,2 Millionen Euro sieben Solaranlagen gebaut worden seien. Das hätte er für 140.000 Euro anbieten können und dabei noch gut verdient. Vor zwei Jahren habe im Senegal eine Konferenz mit allen 500 NGOs stattgefunden, die im Land engagiert sind. Alle seien mit ihren dicken Land Cruisern inklusive Uno-Satellitenantenne vorgefahren. „Brot für die Welt, die Wurst bleibt zuhause“, lästert der 65-Jährige.
Thomas Loster, Geschäftsführer der Munich Re-Stiftung, drückt die Kritik an der klassischen Entwicklungshilfe diplomatischer aus. Die Transaktionskosten seien viel zu hoch. Die Entwicklungszusammenarbeit müsse effizienter werden, sagt auch Messner vom DIE. Vor allem müsse sie besser koordiniert und an den Prioritäten der Empfängerländer ausgerichtet werden, sagt Bernd Bornhorst, Leiter der Abteilung Entwicklungspolitik bei der Hilfsorganisation Misereor und stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) . Noch immer fließe der größte Teil aller Gelder für Energieprojekte in den Ausbau der fossilen Energie, meist sogar in Projekte, in denen Öl und Kohle nicht im Land verbraucht, sondern exportiert werden. Nicht von ungefähr ist 2004 eine interne Evaluierungskommission der Weltbank zu dem Ergebnis gekommen, dass die Organisation so schnell wie möglich die Förderung von Öl- und Kohleförderung in den Entwicklungsländern einstellen solle – ohne Folgen.
Hofstätter hat vor Jahren selbst mit dem Verein „Kinderhilfe Senegal e.V.“ Berufsschulen gebaut, doch heute glaubt er nicht mehr, dass klassische Entwicklungshilfe etwas bringt. „Wenn unser Geschäftsmodell funktioniert, wirkt das von selbst gegen Klimawandel und Armut.“ Was er damit meint, zeigt ein Besuch bei Aissatou Coly in Madina Bisassou, eine halbe Stunde westlich von Baranlir. Ein rostiges Schwerölfass mit dem Logo eines holländischen Mineralölkonzerns versperrt den Zugang zu ihrer Plantage. Die Fläche, auf der sie mit ihrem Mann, dem Imker Ababacar Diedhiou, Bananen, Tomaten, Zwiebeln, Auberginen und Orangen anbaut, ist inzwischen fast so groß wie ein Fußballfeld. „Alles nur wegen der Solarpumpe“, sagt die 41-Jährige. Jetzt muss sie nicht mehr jeden Eimer Wasser einzeln aus dem Brunnen hochwuchten, um Aussaat und Pflanzen zu wässern. Das übernimmt jetzt die Wasserleitung. Sie hat mehr Zeit für ihre sechs Kinder, und ihr Mann hält jetzt Vorträge über den Klimawandel. Er weiß, dass die Sahara nicht im Norden Senegals halt machen wird. Er kennt den Zusammenhang zwischen Treibhausgasemissionen und globaler Erwärmung. Er spürt die Folgen, denn wenn die Regenzeit wie vor vier Jahren nur einen Monat andauert, ändern sich die Fruchtfolgen der Akazien und Mangroven, der Nektar in den Blüten bildet sich später, seine Bienen produzieren dann weniger Honig.
Die Geschichte von Aissatou Coly und Ababacar Diedhiou ist wie erfunden für Kaito. Vor Jahren hat Hofstätter dem Ehepaar mit einem Mikrokredit ausgeholfen, um die Imkerei aufzubauen, die 3.500 Euro für die Pumpe konnte das Paar dank des Honigs dann bar bezahlen. Zehn solche Pumpen habe er schon verkauft, sagt Hofstätter.
„Le Loup“ glaubt, Armut mit den Gesetzen des Marktes überwinden und dabei auch das Klima schützen zu können.
Noch ist er damit ein ziemlich einsamer Wolf. Solange die meisten Unternehmer, und vor allem die Großkonzerne, nicht wie Hofstätter investieren und stattdessen weiter auf Signale der Politik warten, wird der Klimawandel nicht aufzuhalten zu sein. Vor allem, solange der Energiemarkt alles andere ist als ein Markt. „Fossile und nukleare Energien sind nur so günstig, weil ihre externen Kosten von der Gesellschaft getragen werden“, sagt WBGU-Vize Messner. Neue Schätzungen über Kohlestrom aus den USA beziffern diese externen Kosten auf zehn bis 30 US-Cent pro Kilowattstunde. Der Verbraucher zahlt dafür zwischen acht und zehn Cent. Für Atomenergie liegen die externen Kosten bei 50 bis 250 Euro-Cent. „Das Argument, das etablierte Energiesystem sei kostengünstig und der Umstieg auf Erneuerbare daher zu teuer, ist geradezu absurd, wenn berücksichtigt wird, dass der fossile Wachstumspfad geradewegs in die Klimakrise führt“, sagt Messner. Die durch den Klimawandel verursachten Schäden schätzen Ökonomen auf fünf bis 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes von derzeit etwa 60 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Alle seriösen Quellen beziffern die Kosten für eine globale Energiewende auf ein bis zwei Prozent des Welt-BIP.
Eigentlich finanzierbar, möchte man meinen —, allein angesichts der weltweiten Subventionen in fossile Energieträger, die der WBGU auf 300 bis 800 Milliarden Dollar jährlich schätzt. Gerade Entwicklungs- und Schwellenländer halten die Energiepreise für ihre Bürger künstlich niedrig, auch wenn die meisten Menschen wie in Baranlir überhaupt keinen Zugang zu Energie haben und damit von günstigen Preisen nicht profitieren.
Im Jahr 2004 gaben die ärmsten Länder der Welt 100 Milliarden Dollar mehr für Energieimporte aus als 2003, mehr als die jährliche Entwicklungshilfe aller Industriestaaten zusammen. Die Belastung dieser Volkswirtschaften durch steigende Ölpreise ist laut WBGU etwa 20 Mal höher als in den Industrieländern. Zudem sind die Energieversorger meist verstaatlicht und liefern Strom unzuverlässig. So auch im Senegal: Wenn das Geld knapp wird, kappt der staatliche Monopolist Senelec einfach die Leitungen. Wie soll das in den ärmsten Ländern der Welt erst werden, wenn sich die Energienachfrage mit dem Bevölkerungswachstum bis 2030 verdoppeln wird, dabei aber noch immer 1,4 Milliarden Menschen auf dem Land ohne Strom leben werden? „Je später wir mit dem Umbau beginnen, desto schwieriger, teurer und konfliktreicher wird es“, warnt Messner.
Bereits Ende Mai dieses Jahres hat die Internationale Energie-Agentur (IEA) Alarm geschlagen, weil der globale CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr um fünf Prozent und damit unerwartet stark gestiegen sei. Entwickelt sich die Weltwirtschaft so weiter, und derzeit deutet nichts auf das Gegenteil hin, wird die Weltbevölkerung schon dieses Jahr jene 32 Milliarden Tonnen erzeugen, die sie eigentlich erst 2020 hätte in die Atmosphäre jagen dürfen, sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol. Das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen sei damit reine Utopie. „Offenbar lernen wir nur durch Schmerzen, der Kollaps der Finanzmärkte und die Atomkatastrophe von Fukushima sind dafür nur die jüngsten Beispiele“, sagt Messner. Schmerzen, von steigenden Preisen verursacht, hätten allerdings gesündere Folgen.
Dass ein funktionierendes globales Emissionshandelssystem die richtige Dosis – finanzielle – Schmerzen verabreichen könnte, um den Planeten zu retten, darüber sind sich die meisten Wissenschaftler einig. „Ein wunderbares, theoretisch elegantes Instrument“, sagt Professor Peter Hennicke, bis 2008 Präsident des renommierten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie (siehe Interview).
Die Idee beruht auf der Annahme, dass es dem Klima gleichgültig ist, an welchem Ort der Welt Verschmutzung reduziert wird, und auf dem Glauben, dass keine Regierung der Welt die versprochene Reduktion so effizient umsetzen kann wie die Privatwirtschaft. Die Europäer betreiben seit 2005 den weltgrößten CO2-Markt. Dabei verpflichten sich 30 Nationen – die 27 EU-Staaten sowie Liechtenstein, Island und Norwegen -, eine Emissionsobergrenze nicht zu überschreiten, im Jahr 2013 1,97 Milliarden Tonnen CO2 . Diese Menge CO2 wird auf die Verursacher aufgeteilt. Eine Tonne CO2 verbrieft ein handelbares Verschmutzungsrecht, das derzeit an der Börse rund 16 Euro kostet. Unternehmen, die mit der zugeteilten Menge an Zertifikaten nicht auskommen, müssen zukaufen, benötigen sie weniger , können sie verkaufen. Die Obergrenze sinkt dann von Jahr zu Jahr um 1,74 Prozent, so dass der Preis für die verknappten Zertifikate steigt.
Theoretisch ließe sich das System auf dem ganzen Globus anwenden. Klimaforscher haben ermittelt, dass bis zum Jahr 2050 maximal 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen dürfen, soll sich die Erde bis dahin nicht um mehr als zwei Grad Celsius erwärmen. Verteilt man diese Menge zu gleichen Teilen auf alle Menschen, dürfte jeder nur noch zwei Tonnen CO2 pro Jahr verbrauchen. In Deutschland verursacht jeder Bürger aber im Schnitt Emissionen von zehn Tonnen – im Senegal sind es nicht einmal 100 Kilogramm.
Doch ob die Verschmutzungsrechte pro Kopf aufgeteilt werden und, welches Jahr den Berechnungen zugrunde gelegt werden soll, darüber führen Industrie- und Entwicklungsländer nicht erst seit der gescheiterten Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen einen erbitterten Streit. „Stellen Sie sich eine Pizza vor, die Sie teilen müssen“, sagt Messner. „Wer bekommt am meisten? Der Hungrigste, der Stärkste oder alle gleich viel? Bis heute ist der Stärkste, die USA, gegen den Emissionshandel — und deshalb sind die Entwicklungs- und Schwellenländer auch dagegen.“ Dabei würden sie sogar finanziell profitieren, weil die durchschnittlichen Vermeidungskosten geringer wären als die Zertifikatspreise. „Die Erlöse aus dem Emissionshandel könnten die heutige Entwicklungshilfe für Afrika bei weitem übersteigen“, sagt Bornhorst von Misereor.
Doch wirksam wäre ein Emissionshandelssystem erst, wenn es die ganze Welt anwenden würde, wenn auch die USA, China und Indien mitmachten. Ansonsten wird Energie nur in Europa – und für europäische Unternehmen – teurer. Das bringt den Europäern zwar Wettbewerbsnachteile, führt aber zum gewünschten Effekt, dass Europa Öl, Kohle und Gas spart. Doch mit der sinkenden Nachfrage würden aber auf dem Weltmarkt die Rohstoffpreise fallen, was den Ländern zugute kommt die sich nicht am Emissionshandelssystem beteiligen, sie können billiger einkaufen, ihr Verbrauch würde steigen.
Solange es keinen echten Markt gibt, auf dem saubere Energie billiger ist als schmutzige, übt sich die Politik in Kompromissen. So hat die Staatengemeinschaft auf dem Klimagipfel 2010 in Cancun beschlossen, den Green Climate Fund einzurichten, in den die Industrieländer bis zum Jahr 2012 30 und ab 2020 sogar 100 Milliarden Dollar jährlich, einzahlen sollen. Dieses Geld soll für ganzheitliche Klimastrategien in den Entwicklungsländern genutzt werden. Über die Verwendung soll ein Gremium wachen, in dem je zehn Vertreter von Geber- und Nehmerstaaten sitzen.
Manfred Konukiewitz, Beauftragter für Klimawandel im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), sitzt als deutscher Vertreter im so genannten Vorbereitungsausschuss, der seit Cancun erst ein einziges Mal getagt hat. Er zeichnet ein großes Fragezeichen, ob bis zur Klimakonferenz im Dezember in Durban überhaupt eine Organisationsstruktur feststehen wird. Konukiewitz sagt: „Die Geberländer freuen sich über jede Verzögerung, bis sie das Portemonnaie aufmachen müssen.“ Während die Entwicklungsländer bereits heute über die Verteilung der Gelder streiten, fordern die Industriestaaten erst einmal belastbare Organisationsstrukturen, die tatsächlich CO2 und Korruption vermeiden helfen.
Die Politik neutralisiert sich also weiter beharrlich, egal ob bei dem Versuch, ein marktwirtschaftliches System wie den Emissionshandel zu installieren, oder auch nur dabei, ein vernünftiges und eigentlich auch längst beschlossenes Transfersystem wie den Green Climate Fund mit Geld und Leben zu füllen. Selbst, wenn die 100 Milliarden pro Jahr irgendwann zusammenkämen, ist längst nicht klar, ob das Geld auch dort ankommt, wo es eigentlich hinsoll.
In Baila, wo Kaito seine Zentrale unterhält, ist wie fast jeden Abend mal wieder der Strom ausgefallen. Wie ein Schleier legt sich die Dunkelheit über ein System aus Misswirtschaft, Korruption und Veruntreuung, dessen Ursprung in der Hauptstadt Dakar zu suchen ist. Die Luft liegt wie feuchte Watte auf der Haut. Staub verklebt die Augen, Benzingestank schnürt einem die Kehle zusammen. Unvorstellbar, dass die verrotteten Häuserschluchten, deren Bäuche surrende Klimaanlagen kühlen, einmal energieeffizienten Gebäuden weichen, dass Elektroautos irgendwann die rostigen Tata-Taxis ersetzen könnten. Einen Steinwurf neben der Gare routière, dem Busbahnhof, auf dem sich rostige Mercedes-Wannen aneinanderreihen, erhebt sich ein moderner Betonklotz über den alltäglichen Wahnsinn Dakars. Agence Sénégalaise D´Electrification Rurale (ASER) steht auf dem Messingschild im Vestibül.
Die staatliche Agentur für ländliche Elektrifizierung wurde gegründet, weil die Weltbank vor ein paar Jahren 100 Millionen Dollar überwies, um das Landesinnere mit Strom zu versorgen: 90 Prozent der Dörfer sollten bis 2012 Zugang zu Elektrizität erhalten. Doch als Beamte wie Pape Momar Ngom ihre schicken Büros bezogen hatten, war nichts mehr vom Geld der Weltbank übrig. Ngom hält an diesem Tag Audienz. Er trägt seinen besten Anzug, seinen silbernen Siegelring, das Hemd hat er bis oben zugeknöpft, die Pastellkrawatte darüber, die Slipper hat ein Straßenjunge gerade poliert. Der Teppichboden dient ihm als Ablage für seine Akten. An den Wänden hängen Porträts der Ex-Präsidenten Senghor und Diouf sowie des amtierenden Präsidenten Wade. Wer den Zwei-Meter-Riesen sprechen will, braucht einen Termin. Und einen Termin bekommt nur, wer etwas gut bei ihm hat. Nachdem sein einstiger Vorgesetzter nach einer Prüfung der Weltbank hinter Gitter musste, suchte Ngom plötzlich dringend nach Projekten, die irgendetwas mit Erneuerbaren Energien auf dem Land zu tun haben, um die Kontrolleure zufrieden zu stellen.. Und da erinnerte er sich an Kaito, schließlich versucht Hofstätter seit vier Jahren, einen Vertrag mit ASER zu schließen, der Kaitos Waren von Mehrwertsteuer und Zoll befreit. Ein Solarkiosk würde so mal eben 40 Prozent weniger kosten. Um Kaito als eines von der ASER geförderten Projekte ausweisen zu können, bot Ngom an, die Rechnungen für ein paar Solarmodule zu übernehmen und Kaito Steuer und Zoll zu erlassen. Doch einfach so stempelt der 40-jährige Beamte trotzdem nicht das dafür benötigte Formular. Jeder Dübel und jede Schraube muss einzeln aufgelistet werden, und zwar mit Schreibmaschine. Ach und übrigens, zur Intersolar-Messe in München, da hätte er gerne eine offizielle Einladung.
Viel zu oft geht es den Eliten in den Entwicklungs- und Schwellenländern um Machterhalt für sich und den eigenen Clan, anstatt über Marktanreize nachzudenken, die für alle Menschen und auch ihr Land ein langfristiger Segen wären und die globale Energiewende beschleunigten.
Kluge Modelle gäbe es zumindest theoretisch zuhauf. Neben einem globalen Emissionshandel zum Beispiel den Clean Developement Mechanism (CDM), eine Art Erweiterung des europäischen Emissionshandels. Er erlaubt es Unternehmen, sich Verschmutzungszertifikate anrechnen zu lassen, wenn sie in Entwicklungsländern Projekte umsetzen, die CO2 vermeiden. Bedingung: es müssen „zusätzliche“ Projekte sein, also nicht etwa ein Wasserkraftwerk, das ohnehin gebaut worden wäre. Nur ist das mit der Zusätzlichkeit so eine Sache, die bisweilen bizarre Blüten treibt: So sind in China und Indien in den vergangenen Jahren hunderte neue Kühlmittelfabriken entstanden, in denen als Abfallprodukt ein extrem klimaschädliches Gas anfällt. Dieses Gas wird verbrannt. Und für jede so entsorgte Tonne erhalten die Unternehmen Gutschriften im Gegenwert von 175.000 Euro. „Der CDM war eine einseitige politische Entscheidung, mit Bürokratie überfrachtet und am Ende viel zu teuer“, sagt Thomas Loster von der Munich Re-Stiftung. Die Hälfte aller CDM-Projekte werden in China realisiert, fast der ganze Rest in Indien, aber kaum eines in Afrika.

Für den vergessenen Kontinent diskutieren Wissenschaftler deshalb seit Cancun über so genannte NAMAs (Nationally Appropriate Mitigation Action Plans), eine Art Patenschaft, zum Beispiel zwischen Deutschland und dem Senegal. Dabei würde sich der Senegal eine nationale CO2-Strategie verordnen und diese mit deutscher Hilfe umsetzen. Die eingesparte Menge CO2 könnte sich die deutsche Wirtschaft in Form von Verschmutzungsrechten anrechnen lassen. Noch aber sucht man weltweit vergeblich nach erfolgreichen NAMAs-Modellen.
Ganz im Gegensatz zum deutschen Exportschlager, dem Erneuerbaren Energie Gesetz (EEG). Mittlerweile zahlen über 70 Länder ihren Bürgern und Unternehmen eine feste Einspeisevergütung, wenn diese sauberen Strom produzieren. Doch haben die wenigsten Länder in ihren Gesetzen auch die Abnahmeverpflichtung übernommen, die den Versorgern vorschreibt, den Strom auch ins Netz zu lassen. Schon in Europa scheitert deshalb eine Harmonisierung der Einspeisepolitik. „Die Mehrheit ist dagegen“, sagt ein hochrangiger Beamter des Umweltministeriums.

Dabei sei das EEG konsequent umgesetzt ein gutes Prinzip, sagt Eike Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Die Investoren ziehe es an wie die Fliegen der Honig, dabei zahlten weder Steuerzahler noch Staat dafür, sondern der Verbraucher über einen höheren Strompreis – und derjenige, der weniger Strom verbraucht, zahlt damit weniger. Der Wissenschaftler, der 23 Jahre in den USA geforscht hat, glaubt fest an die Chancen der Sonnenenergie in den Entwicklungsländern – dort, wo die Sonne scheint. Und notfalls auch ohne staatliche Förderung. Schließlich hätten sich in Deutschland in der Photovoltaik die Preise innerhalb von fünf Jahren halbiert, und das werde in den nächsten fünf Jahren wieder passieren. Vielleicht ist der 61-Jährige, der vor fünf Jahren von Berkeley nach Freiburg umzog, auch deswegen ein so großer Optimist, weil er sich noch nicht jahrzehntelang im Kampf mit den Lobbygruppen aufgerieben hat. So vergleicht er die heutigen Chancen mit dem Aufbruch ins Eisenbahnzeitalter Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals habe ein Brief von New York nach San Francisco mit dem Pony Express eine Woche gebraucht. Den einen habe das gereicht. Aber es gab eben auch andere, die sagten, so gehe das nicht weiter. Niemals werde sich diese Investition rechnen, schüttelten die Kritiker den Kopf. „Aber die Visionäre haben es angepackt und waren am Ende die reichsten Menschen der Welt“, sagt Weber. Und so ist es auch nur logisch, dass er in den Pionieren auf dem Markt für Erneuerbare Energien als „die Exxons und BPs der Zukunft“ sieht.

Soweit ist Wolfgang Hofstätter mit Kaito noch lange nicht, an diesem Tag kämpft er um seinen bislang größten Auftrag. In Lebou, in den Ausläufern des Hafens von Dakar bei der Firma Sosagrin. Drei Angestellte wuchten zentnersäckeweise Senfkörner aus einem Maersk-Container. „Die kaufen wir in Kanada ein“, sagt Kassim El Sahili. „Senf baut hier keiner an, Tomaten und Erdnüsse bringen mehr.“ Sahili ist so etwas wie der BDI-Chef im Senegal, er produziert scharfen Dijon-Senf im Senegal, im Kongo und in Nigeria. „Reine“, die Königin der Senfe, hat er ihn getauft, er deutet auf die akkurat sortierten Gläser hinter sich im Regal. Jeden Tag produziert er auch zwei Tonnen Biomüll, der ganze Rest, der übrig bleibt, nachdem die Senfkörner ausgepresst sind. „Das werfen wir einfach auf die Straße oder verkaufen es an Viehzüchter als Futterzusatz“, sagt der 56-Jährige. Daraus wolle er jetzt aber lieber Strom machen.
Strom aus Senf, deshalb ist Hofstätter bei ihm. Für 250.000 Euro will er Sahili eine Biogasanlage verkaufen, mit einer Leistung von bis zu 50 Kilowatt. Sahili zuckt bei dem Preis nicht mal mit der Wimper, er verfügt schließlich über beste Kontakte zur Regierung. Ein Termin bei Präsident Wade? Kein Problem. Aber 15 mal 20 Meter Fläche für die Anlage, das sei zu viel. Er protestiert: „Ich bin Industrieller“, dabei nestelt er an der Präsentationsmappe einer Konkurrenzfirma von Kaito, die ganz zufällig auf seinem Couchtisch drapiert liegt. „Zehn mal 20 Meter“, bietet Hofstätter an. „Very good“, sagt Sahili. „Wann können wir anfangen?“ „In zwei Jahren. Ihre Mitarbeiter müssen erst lernen, es gibt noch keine Biogasanlagen, die mit Senf funktionieren“, sagt Hofstätter. In seinem früheren Leben war Sahili Zahnarzt, in Lyon hat er Medizin studiert, aber seine Söhne wollten seine gutlaufende Praxis nicht übernehmen, also verkaufte er, erwarb die Senfproduktion und verwandelte die Firma zur größten Senffabrik Westafrikas. Er mustert den Deutschen über seine randlose Brille, zupft sich dabei seinen Schnauzer zurecht. „Wir können schnell lernen“, sagt Sahili. „Ich will Geld sparen, ich bin Entrepreneur.“