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	<title>Wortlaut &#38; Söhne</title>
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		<title>Es muss Ihnen nicht peinlich sein</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Apr 2012 09:24:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit Geld umgehen können? Die meisten winken ab. Zu kompliziert! Dieses Gefühl zu überwinden ist gar nicht so schwer ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hans Bauer ist Mitte 60, erfolgreicher Unternehmer und zumindest so vermögend, dass er mit dem Geld, das er übrig hat, gerne ein bisschen an der Börse spielt. Als ihm ein Angebot der Landesbank Baden-Württemberg ins Haus flattert, juckt es ihn mal wieder in den Fingern. Eine »Commerzbank Protect-Aktien-Anleihe« soll er zeichnen, es winken »15 Prozent Verzinsung«. Verlockend, aber Bauer wundert sich über den hohen Zinssatz, weiß er doch, dass die Banken sich zurzeit günstig refinanzieren können. Warum sollten sie ihm einen solchen Zins für sein Kapital anbieten? Also liest er sich ausnahmsweise den Prospekt bis zu Ende durch und kapiert: Das ist weder eine Anleihe, noch geht es dabei um Zinsen. Vielmehr bietet ihm seine Bank ein strukturiertes Produkt an, das auf den Börsenkurs der Commerzbank wettet. Hat die Wette Erfolg, beträgt die Rendite 15 Prozent. Wenn nicht, verliert er Geld.</p>
<p>Wenn Sie jetzt ungläubig den Kopf schütteln über Bauers Ahnungslosigkeit in Börsendingen, lesen Sie nicht weiter. Weil es ihm selber peinlich ist, will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen. Aber vielleicht sind Sie ja unsicher, ob Sie bei einer mit 15 Prozent verzinsten Anleihe nicht auch schwach geworden wären. Sie müssen deswegen ja nicht gleich ein »finanzieller Analphabet« sein &#8211; so bezeichnet ein relativ junges Schlagwort Menschen, die finanziellen Angelegenheiten hilflos gegenüberstehen. Aber sind wir nicht alle etwas legasthenisch veranlagt, wenn es um Geldanlage, Altersvorsorge und Risikoabsicherung geht?</p>
<p>Es ist heute schwieriger als vor 20 Jahren, sich in Finanzdingen kompetent zu fühlen. Früher war man mit Sparbuch und Girokonto, einer Immobilienhypothek und betrieblicher Altersvorsorge gut gerüstet für Notfälle und Alter. Heute weiß jeder &#8211; oder sollte es zumindest wissen -, dass die gesetzliche Rente nicht reichen wird und man selber vorsorgen muss. Finanzinstitute ködern Privatanleger mit einer Fülle komplexer Anlageprodukte und erfüllen fast jeden Wunsch mit dem passenden Kredit, selbst Urlauben geht heute auf Pump. Frei nach dem Motto: Lebe heute, zahle morgen.</p>
<p>Diese Verlockungen dürften nicht nur den 6,4 Millionen Deutschen zu viel geworden sein, die dem jüngsten Creditreform-Schuldenatlas zufolge überschuldet sind. Damit haben immerhin gut neun Prozent der Bundesbürger über 18 die Kontrolle über ihre Finanzen verloren, jeder Vierte ist unter 30 Jahre alt, Tendenz steigend.</p>
<p>Und dennoch ist Geld, solange es noch da ist, nur Thema unter Profis oder begeisterten Amateuren. Dem Rest ist es unangenehm, darüber zu reden. Man tut das nicht, und langweilig ist es auch noch. Müssen Sie wirklich wissen, was sich hinter der Ablaufleistung Ihrer Lebensversicherung verbirgt und was die Überschussbeteiligung damit zu tun hat? Müssen Sie wissen, wann die Restschuldversicherung einspringt, die Sie höchstwahrscheinlich für Ihren Konsumentenkredit mit abgeschlossen haben? Und haben Sie mal ausgerechnet, wie sich diese Unterschrift auf Ihren Effektivzins auswirkt? Nicht? Hat Ihnen auch niemand beigebracht? Stimmt. Den Schaden haben trotzdem Sie.</p>
<p>Es wird nicht besser dadurch, dass sich Menschen, wenn es um Geld geht, gerne irrational benehmen. Gier frisst Hirn, kurz gesagt. Dass der Mensch in Gelddingen kein rationaler Homo oeconomicus ist, sondern sich von Emotionen leiten &#8211; und täuschen &#8211; lässt, hat die Wissenschaft der Behavioral Finance dargelegt. Mit klaren Regeln versuchen sich Anleger selbst zu überlisten &#8211; indem sie Verluste rechtzeitig realisieren, Gewinne laufen lassen oder ihr Risiko breit streuen. Wenn Sie sich bewusst sind, dass sich Ihr gesunder Menschenverstand in Gelddingen ab und an verabschiedet, dürfen Sie sich paradoxerweise schon für kompetent halten. Aber das ist der zweite Schritt, der erste verlangt, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Es lohnt sich: Wer gut mit Geld umgehen kann, ist glücklicher, hat eine Studie der University of Essex ergeben. Na klar, wer gut mit Geld umgehen kann, hat auch mehr davon, sagen Sie jetzt. Den britischen Wissenschaftlern ging es aber nicht darum, dass die Kompetenteren auch die Vermögenderen waren. Schon die Tatsache, dass sie sich so einschätzen, reicht für das bessere Lebensgefühl. Umgekehrt heißt das laut Studie: Wen Hypotheken, Versicherungen oder auch das Esszimmer auf Raten überfordern, steht unter hohem psychologischen Stress.</p>
<p>Sollten Sie dieses Gefühl kennen, sind Sie damit nicht allein. » Der mündige Verbraucher, der sich selbst schlau macht, ist ein Leitbild, also eine Zielvorstellung«, sagt Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale-Bundesverband. Und auch wenn sie dafür plädiert, dass sich die Bürger in Finanzdingen weiterbilden sollen, nimmt sie sie in Schutz. » Der mündige Verbraucher ist nicht die Realität. Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der es normal ist, Finanzkompetenz einzukaufen. Wir sind eben keine Vollzeit-Verbraucher.« Da sei es ein »Schlag ins Gesicht«, wenn man einem schlecht beratenen Bankkunden die Schuld gebe und ihn frage: »Warum nur hast du diesen Leuten vertraut?« Aber es geht nicht darum, wer die Schuld hat, sondern darum, wer den Schaden hat.</p>
<p>Auch Michael Ferber, dessen Buch Was Sie über Geldanlage wissen sollten mit dem Deutschen Finanzbuchpreis ausgezeichnet worden ist, sagt: »Viele denken, dass ein Bankberater eine unabhängige Instanz ist, aber ein Volkswagen-Händler verkauft auch keine Toyotas, genauso wenig wie ein Bankberater freiwillig Produkte der Konkurrenz.« Für die richtigen Finanzprodukte gibt es zum Glück Alternativen: »Jeder kann sich an unabhängige Honorarberater wenden und dafür bezahlen«, sagt Ferber. Die meisten Kunden sparen sich allerdings dieses Geld, sie ziehen den scheinbar kostenlosen Bankberater vor und blenden dabei aus, dass sie dessen Provisionen bezahlen und gar keine unabhängige Beratung erwarten dürfen.</p>
<p>Dabei ist es gar nicht so schwer, das Gefühl der Ahnungslosigkeit loszuwerden. Sie müssen nicht in Ihrer Freizeit einen Abendkurs in Altersvorsorge belegen, Produktnamen pauken und zum Hobby-Charttechniker werden. Seien Sie lieber bereit, für unabhängigen Rat zu zahlen. Und machen Sie sich stattdessen lieber die Mühe, auch das langweilige Kleingedruckte zu lesen, ganz gleich, wie öde das sein mag, und nachzufragen, wenn Sie etwas nicht verstehen, gleichgültig, wie peinlich Ihnen das sein mag. Insofern hätte Hans Bauer sich seines echten Namens nicht schämen müssen. Auch wenn er erst seit Kurzem weiß, was sich hinter einer Aktienanleihe verbirgt, zeugte sein Verhalten von Finanzkompetenz.</p>
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		<title>Denn das Gute liegt doch nah</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Apr 2012 09:24:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Kleinanleger investieren ihr Geld am liebsten regional. Sicherer wäre es, sie verteilten es um den Globus. Aber wer kennt sich schon überall auf der Welt aus? ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ende Februar berichtete das Deutsche Weininstitut anlässlich der Fachmesse ProWein, dass die Deutschen am liebsten heimische Weine trinken. Von den rund 33 Litern, die ein jeder durchschnittlich pro Jahr schluckt, stammen 15 Liter aus deutschen Lagen, fünf aus Italien und viereinhalb aus Frankreich.</p>
<p>Mit der besseren Qualität kann das wohl kaum zusammenhängen. Wie mit dem Wein verhält es sich mit dem Sport: Menschen schätzen ihre eigene Mannschaft gewöhnlich als zu gut ein, was sich zum Beispiel am Wettverhalten ablesen lässt. Und so ähnlich agieren sie auch an der Börse: Anleger bevorzugen heimische Aktien &#8211; ein Phänomen, das die US-Wissenschaftler Kenneth French und James M. Poterba 1991 erstmals als sogenannten home bias beschrieben.</p>
<p>Wen die Heimatliebe beim Wein lediglich um den Genuss eines Brunello di Montalcino oder eines Burgunders aus Pommard bringt, den kostet dieses Verhalten auf dem Parkett bares Geld: Martin Weber von der Universität Mannheim hat ausgerechnet, dass Privatanleger so auf ein bis zwei Prozent Rendite im Jahr verzichten.</p>
<p>Dabei wollen Privatanleger mit ihrem Heimathang eigentlich auf Nummer sicher gehen, doch bewirken sie genau das Gegenteil: »Wer nur auf den Deutschen Aktienindex setzt, geht ein höheres Risiko ein, weil er dieses nicht global streut«, sagt Wissenschaftler Weber, der gemeinsam mit Dirk Schiereck die Schrift Bleibe im Lande und rentiere dich kläglich veröffentlicht hat. So ist der deutsche Leitindex in den vergangenen 36 Jahren mit durchschnittlich elf Prozent zwar ebenso stark gestiegen wie der Weltindex MSCI World, die Schwankungsbreite war allerdings um 15 Prozent höher &#8211; und damit das Risiko.</p>
<p>Wer sein Geld rund um den Globus verteilt, legt es also sicherer an. Bloß, wohin mit dem Geld? Wie die richtigen Informationen filtern und vor allem rechtzeitig bekommen? Das Gefühl, daheim besser informiert zu sein, ist schließlich der Hauptgrund für den Heimatdrang.</p>
<p>Der ist beileibe kein deutsches Phänomen, auch Amerikaner und Japaner suchen lieber vor der eigenen Haustür nach Rendite. Die Scheu deutscher Privatanleger misst das Frankfurter Investmenthaus Schroders seit vier Jahren in einer repräsentativen Umfrage. Im vergangenen Jahr investierten sieben von zehn Anlegern ihr Geld im Inland. Selbst aktienaffine Kunden der Discountbroker bewegen sich lieber auf dem heimischen Parkett &#8211; mehr als 50 Prozent ihrer Depots sind voll mit deutschen Aktien. Nur die wenigsten trauen sich der Schroders-Studie zufolge, in fernen Ländern wie den Bric-Staaten zu investieren, also in China (acht Prozent), Indien (sieben), Russland (vier) oder Brasilien (drei), obwohl diese vier Länder in den vergangenen fünf Jahren 37 Prozent des weltweiten Wachstums auf sich vereint haben, die alten Industrienationen dagegen nur 30 Prozent. » Die Privatanleger wissen schon, wo die Musik spielt, aber sie tanzen lieber zu Hause«, sagt Achim Küssner, Geschäftsführer von Schroders.</p>
<p>Ein Umstand, der sich auf die Vielfalt des Produktangebotes ausgewirkt hat: So sind an der Stuttgarter Börse mehr als 34000 Zertifikate notiert, die sich auf den Deutschen Aktienindex beziehen, aber nur etwa 300 Produkte, die vom MSCI World abgeleitet sind. Und von den 185 Milliarden Euro, die die in Deutschland zugelassenen Investmentfonds anlegen, verbleibt laut Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) fast jeder vierte Euro im Land.</p>
<p>Dabei ist der Weg in die Ferne heute viel einfacher als früher: Ausländische Aktien sind durch bessere Handelssysteme und den härteren Wettbewerb unter den Banken günstiger zu bekommen als in der Vergangenheit. Innerhalb des Euro-Raums müssen Anleger zudem keine Währungsschwankungen mehr fürchten.</p>
<p>Wer sich auf eigene Faust aufmacht, der ist mit einer Reihe von Hindernissen konfrontiert: Obwohl Anleger sich heutzutage im Internet auch über chinesische Aktien informieren können, ist es fast unmöglich, die Qualität und die Verlässlichkeit der Quellen vernünftig einzuschätzen. Kleinsparer zum Beispiel, die die Geschichte des chinesischen Agrarunternehmens Asian Bamboo von nachhaltiger Landwirtschaft und Biobambussprossen für die konsumfreudigere Mittelschicht vor zwei Jahren überzeugte, haben seither drei Viertel ihres eingesetzten Kapitals verloren. Wie hätten sie auch wissen können, dass sich der Nettogewinn der Firma im Jahr 2011 überraschend halbierte, weil der Umsatz je Hektar gesunken ist, während die Kultivierungskosten gestiegen sind?</p>
<p>Und wer mag schon die Wirkung politischer Willkür vorhersehen &#8211; etwa, wie der Kurs der amerikanischen Supermarktkette Wal-Mart reagiert, wenn die indische Regierung wie Ende 2011 erst beschließt, den Einzelhandel für ausländische Direktinvestitionen zu öffnen, um den Plan wenige Tage später wieder zu kippen? Oder dass Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff die lahmende Industrieproduktion anzukurbeln versucht, indem sie Anfang April dieses Jahres die Auto-, die Textil- und die Schifffahrtsindustrie von Sozialabgaben befreite, nicht aber den drittgrößten Flugzeugbauer der Welt, Embraer. Und wer hätte denn vor drei Jahren gedacht, dass dem Leitindex Dow Jones in den rezessionsgeplagten USA nur noch acht Prozent bis zum Allzeithoch fehlen?</p>
<p>»Geld sollte deshalb in professionelle Hände«, sagt Schroders-Chef Küssner. Nur gibt es eben auch viele schlechte Fondsmanager im Markt. Die kompetenten von den inkompetenten Finanzexperten zu unterscheiden dürfte für die meisten Anleger genauso schwierig sein, wie herauszufinden, ob die Prognosen für eine chinesische Bambusaktie schneller in den Himmel wachsen als Bambus aus Birma. Klar, man sollte auf eine solide Fondsgesellschaft setzen, die über Jahre zu den besseren zählte. Eher auf ein Team als auf einen Einzelkönner. Und bloß nicht jedes Jahr der Nummer eins in den Ranglisten folgen, dessen Management hat sich diesen Platz doch auch nur mit einem höheren Risiko erkauft. Eine Garantie, dass die Fondsprofis richtigliegen, haben Privatanleger deshalb noch lange nicht.</p>
<p>Es verwundert nicht, dass Martin Weber den Kauf von Indexfonds zur optimalen Risikostreuung empfiehlt. Solche Fonds bilden einen repräsentativen Börsenindex wie den deutschen Dax oder den amerikanischen Dow Jones nach und werden in der Regel nicht aktiv verwaltet. Mit dem Arero Weltfonds hat Weber selber einen eigenen Exchange Traded Fund (ETF) &#8211; also einen Investmentfonds, der an der Börse gehandelt wird &#8211; gebaut, den die Deutsche-Bank-Tochter DWS vertreibt. Der Arero bildet Aktien-, Anleihen- und Rohstoffindizes auf der ganzen Welt nach und lässt Anleger somit an der Entwicklung der globalen Wirtschaft partizipieren. Seit der Gründung vor vier Jahren hat der Fonds schon 189 Millionen Euro eingesammelt, der Kurs ist um 60 Prozent gestiegen. » Abartig, dafür, dass wir nichts tun«, sagt Wissenschaftler Weber.</p>
<p>Obwohl die Deutschen passive Fonds in der Regel mögen &#8211; laut Stuttgarter Börse ist keine andere Produktgattung in den vergangenen Jahren stärker gewachsen -, nutzen sie die Chance, mit ihnen ihren home bias zu überwinden, bisher nicht: Sie kaufen am liebsten ETFs, die auf den heimischen Dax setzen.</p>
<p>Anders als an der Börse könnte die Heimatliebe beim Wein aber doch ihre Berechtigung haben. Martin Weber jedenfalls hat sich erst kürzlich mit einem französischen Wissenschaftler über dieses Thema unterhalten. Beide sind zu dem Schluss gekommen, dass Menschen den Wein aus der Region bevorzugten, weil sich die Geschmacksnerven im Laufe der Zeit daran gewöhnt hätten. Weber weiß, wovon er spricht. Er ist Pfälzer. </p>
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		<title>Der Mann, der sein Leben vermarktet</title>
		<link>http://www.wortlaut-soehne.de/archives/der-mann-der-sein-leben-vermarktet/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 11:54:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Hermann Scherer gehört zu den gefragtesten Vortragsrednern in Deutschland. Er verdient gut daran, seinen Zuhörern zu erzählen, sie sollten ihr Leben nicht vergeuden. Dabei weiß er selbst nicht, ob ihm das gelingt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hermann Scherer hat seine Zuschauer in der Osnabrücker Stadthalle im Griff. Er hat Studien zitiert, Witze erzählt, Videos vorgeführt, mit persönlichen Anekdoten kokettiert &#8211; und das Publikum gut unterhalten. Gleich ist der Vortrag zu Ende, da senkt Scherer die Stimme:</p>
<p>&#8220;Ich hatte gestern das schreckliche Erlebnis, dass mein Vater gestorben ist.&#8221;</p>
<p>Die 500 Menschen im Saal scharren mit den Füßen. Darüber macht man doch nun wirklich keine Scherze. &#8220;Ich habe zwei Dinge gelernt&#8221;, sagt der Mann von der Bühne herunter. Dass Sterben so friedlich sein könne. Und dass er das Gefühl nicht loswerde, dass sein Vater sehr, sehr viele Träume mitgenommen habe. Kunstpause. Das Publikum schaut betroffen drein. &#8220;Denken Sie bitte daran, Ihre Träume voranzutreiben.&#8221; Kunstpause. &#8220;Wenn Sie Fragen über Ihre Träume haben, rufen Sie mich an. Meine Handynummer erhalten Sie draußen.&#8221;</p>
<p>Und dann reißt Scherer endlich wieder einen Witz, darüber, dass ihn solche Anrufe davor bewahrten, auf seinen langen Autofahrten quer durch Deutschland am Steuer einzuschlafen. &#8220;Sie retten also mein Leben.&#8221; Die Zuhörer lachen erleichtert. Gleich werden sie sich am Ausgang um den Signiertisch drängen, an dem junge Frauen Scherer-Bücher und die von ihm entworfene &#8220;Jenseits vom Mittelmaß-Box&#8221; verkaufen.</p>
<p>Seine Kunden stammen aus der Mittelschicht: kleine und mittlere Unternehmer, Freiberufler, Angestellte. Die hat er gleich zu Beginn seines Vortrags mit einem offenbar verbreiteten Gefühl konfrontiert: Laut einer Befragung seien nur ein Prozent der 63-Jährigen mit ihrem Leben rundum zufrieden. Auf diese Zahl kommen die Leute an den Stehtischen im kleinstädtischen Siebziger-Jahre-Ambiente des Stadthallenfoyers immer wieder zurück. Offenbar ist ihr Leben auch kein erfülltes. Um sich dessen bewusst zu werden, haben sie 69,90 Euro Eintritt bezahlt.</p>
<p>Hermann Scherer, Bestseller-Autor, gefragter Vortragsredner und &#8220;Business Expert&#8221;, denkt hauptberuflich darüber nach, worum es denn eigentlich gehen sollte im Leben. Er spricht und schreibt immer auch über sich selbst. Seine privaten Erfahrungen sind die Grundlage seines geschäftlichen Erfolgs. Und so muss es auch nicht immer logisch sein, was er sagt: Ist sein Vater nun friedlich und zufrieden gestorben, oder hat er damit gehadert, sich nicht alle Träume erfüllt zu haben? Scherer beantwortet diese Frage nicht, und den Zuhörern fällt es nicht auf. Das Leben ist und bleibt widersprüchlich, auch wenn man sich vornimmt, nun an jedem Tag an der Erfüllung seiner Träume zu arbeiten. Ab morgen. So wie es der 47-jährige Scherer predigt, in Stadthallen, in Konferenz- und Seminarräumen zahlungsbereiter Unternehmen. Fast an jedem Tag seines Lebens.</p>
<p>Lehrsatz 1: Es gibt Chancen im Leben und Sonderangebote. Letztere sollte man ausschlagen</p>
<p>Der Mann vermarktet sich selbst. Er besitze fast nichts, konzentriere sich auf das Wesentliche, das erzählt er gern. Er schreibt von Chancen, die es zu ergreifen, und von &#8220;Sonderangeboten des Lebens&#8221;, die es zu meiden gilt, weil sie einen vom Weg abbringen. Er beschwört den Abschied vom Mittelmaß, also aus jener Ecke der Gesellschaft, in der sich fast alle drängeln.</p>
<p>Dass er die Lösungen oft nicht kennt, den genauen Unterschied zwischen Chance und Sonderangebot zum Beispiel, scheint ihn für sein Publikum nur noch charmanter zu machen. &#8220;Es gab wohl noch nie eine Gesellschaft, die so viele Optionen hatte&#8221;, sagt er. &#8220;Wir bekommen praktisch zur Geburt die Garantie, dass wir unter unseren Möglichkeiten bleiben müssen.&#8221;</p>
<p>Er baut keinen Druck auf, plaudert einfach aus dem Nähkästchen und liefert Denkanstöße. Vieles lässt sich auf Sinnsprüche reduzieren à la: &#8220;Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.&#8221; Manchmal wird er auch konkret und berichtet etwa, dass es sich lohne, Meilen zu sammeln, weil man dann günstig Business Class fliegen könne. Das rechnet er sogar am Flipchart vor.</p>
<p>Die Themen, über die Scherer spricht, bewegen ihn selbst. Er will auch nicht mittelmäßig sein. Sein aktuelles Buch heißt &#8220;Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen nutzen &#8211; und andere sie täglich nutzen&#8221;. Bei Amazon belegte es zu Redaktionsschluss in der Kategorie &#8220;Job &#038; Karriere/ Erfolg&#8221; Platz eins. Der Titel seines Vortrags in Osnabrück lautet &#8220;Chancenintelligenz&#8221;.</p>
<p>Lehrsatz 2: Besitz belastet. Deshalb regelmäßig hundert Sachen wegwerfen</p>
<p>Scherers Chancen sind meist ökonomischer Natur, es geht um Geld und Status. Das liegt daran, dass er Marketingfachmann ist, aber auch an seiner Lebensgeschichte. Die ist, wie er vielleicht selbst in bayrischer Mundart mit einem seiner Lieblingsausdrücke sagen würde, &#8220;very crazy&#8221;. Erster Teil, in Bullet-Point-Fassung: Kind eines erfolgreichen Unternehmer-Ehepaars aus Moosburg an der Isar. Ab zwölf auf sich gestellt, die Eltern kümmern sich neben ihren beiden Feinkostgeschäften noch um die schwer kranke, 18 Jahre ältere Schwester. Nach deren Tod, Hermann Scherer ist damals 15, übernachtet er eines Abends bei seinem verwitweten Schwager. Und bleibt für die nächsten drei Jahre.</p>
<p>Seither besitze er kaum noch etwas, sagt er. Damals sei er ja immer nur für noch eine Nacht länger beim Schwager geblieben, warum also sollte er sich etwas anschaffen? Mal abgesehen vom &#8220;Ausrutscher&#8221; einer vierjährigen Beziehung mit Anfang 20 &#8211; da legte er sich sogar einen Videorekorder zu -, bleibt es bei dieser Haltung. Er hat ein paar Stühle, einen Tisch, ein Bett. Eine Uhr. Einen schönen Füller, keine anderen Schreibgeräte.</p>
<p>Ein Mönch sei er aber nicht: &#8220;Wenn ich was Schönes haben will, kaufe ich mir das.&#8221; Eben erst habe er sich ein &#8220;Bombensofa&#8221; besorgt. Es sei Luxus, dass bei ihm fast alles leer sei. Pflanzen, die er mal hatte, habe er dem Nachbarn geschenkt, die Pflege koste ihn zu viel Zeit. Wenn es ihm zu voll wird, nimmt er einen Müllsack, wandert durch seine Wohnung und ruht nicht, bevor er 100 Dinge weggeworfen hat. Souvenirs, an denen sein Herz hängt, fotografiert er zuvor. Er empfiehlt das auch seinem Publikum.</p>
<p>Lebensgeschichte zweiter Teil: Ausbildung im und Einstieg in den elterlichen Lebensmittelhandel. Als er 30 ist, hat sich sein Vater mit einem Immobilien-Deal hoffnungslos überschuldet. Es geht um fünf Millionen Mark. &#8220;Naivität, Liebe und Selbstüberschätzung&#8221; führen dazu, dass Hermann Scherer die elterliche Firma mit allen Lasten übernimmt. Das berichtet der Lebensgeschichten-Erzähler Scherer heute in seinen Vorträgen und in seinem neuesten Buch. Die Mutter hat sich nicht darüber gefreut, dass nun alle von ihren finanziellen Problemen erfahren haben.</p>
<p>Dabei geht es vor allem darum, wie Scherer mit diesem Druck umgegangen ist. Und wie es ihm tatsächlich gelungen ist, die Schulden abzuzahlen. Nicht mit dem wenig einträglichen Lebensmittelhandel, was, wie man ihm in seiner Bank prophezeite, 137 Jahre gedauert hätte. Sondern mit Seminaren. In diese Branche war er eingestiegen, weil er selbst etwas über Menschenführung lernen wollte. Dann stieg er vom Schüler über den Assistenten zum Kursleiter auf.</p>
<p>Als er merkte, dass der Redner im Vergleich zum Berater und Coach &#8220;unverhältnismäßig viel Geld für eine äußerst geringe Leistung&#8221; verdiente, blieb er dabei. Zur Selbstvermarktung schrieb er Bücher, zum Beispiel &#8220;Wie man Bill Clinton nach Deutschland holt &#8211; Networking für Fortgeschrittene&#8221;. Den ehemaligen US-Präsidenten hatte er tatsächlich nach Augsburg gelotst, für ein hohes Honorar. Andere Buchtitel lauten &#8220;Jetzt komm ich&#8221;, &#8220;Jeder Tag ist Schlussverkauf&#8221; oder &#8220;Sie bekommen nicht, was Sie verdienen, sondern was Sie verhandeln&#8221;. Nebenher machte er noch einen Master of Business Administration (MBA). Und baute eine Firma auf, die Vortragsredner vermittelt. Sie heißt &#8220;Unternehmen Erfolg&#8221;.</p>
<p>Lehrsatz 3: Es ist nie zu spät, neu anzufangen. Auch nicht für Hermann Scherer</p>
<p>Am Nachmittag vor dem Vortrag sitzt Hermann Scherer in der eleganten Lobby des Hotels, in dem er für diese Nacht Quartier bezogen hat. 260 von 365 Nächten ist er in den vergangenen Jahren durch Deutschland getingelt, gewohnt hat er in Hallbergmoos, nur zehn Minuten vom Münchner Flughafen. Das Leben sei ein Tauschhandel, sagt er, wir tauschten Zeit gegen Geld, gegen Umsatz, gegen Erfolg.</p>
<p>Er ist größer und schwerer, als die Porträtfotos in seinen Newslettern vermuten lassen. Er geht leicht gebeugt wie viele hochgewachsene Menschen. Aber auch wie einer, der gestern am Totenbett seines Vaters saß und heute sechseinhalb Autostunden entfernt davon seiner Arbeit nachgeht.</p>
<p>Vermutlich besteht auch Scherers Leben nicht allein aus genutzten Chancen, sondern aus dem einen oder anderen Sonderangebot. Gleicht dieser Mann nicht den meisten 30- bis 50-Jährigen mit überdurchschnittlicher, aber unsystematischer Bildung, die in Jobs arbeiten, die die Welt nicht wirklich braucht? Und die es irgendwohin treibt, auf der Suche nach irgendetwas?</p>
<p>So überrascht es nicht, dass Scherer so oft den Tod ins Spiel bringt; der Mut, ihn nicht zu verdrängen, ehrt ihn. Das Bewusstsein seiner unaufhörlich vergehenden Lebenszeit treibt ihn an, und die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit soll auch sein Publikum aus der Lethargie reißen. Wohin auch immer.</p>
<p>Wenn Hermann Scherer nicht so recht weiterweiß, wohin ihn seine Argumentation gerade getragen hat, dann zeigt er seinen Zuschauern ein Youtube-Video und erzählt irgendeine Geschichte. Bediente man sich seiner Methode, könnte hier vielleicht Douglas Adams weiterhelfen, der in &#8220;Per Anhalter durch die Galaxis&#8221; vom nutzlosesten Bevölkerungsdrittel des Planeten Golgafrincham berichtet. Einen drohenden Weltuntergang vor Augen, bestieg jeder dritte Golgafrinchamer die Arche B, im Vertrauen darauf, dass die anderen ihnen alsbald folgen würden auf der Suche nach einer neuen Heimat im Universum. Bloß drohte gar kein Weltuntergang &#8211; die anderen blieben zu Hause.</p>
<p>Golgafrincham war nun frei von Fernsehproduzenten, Versicherungsvertretern und Unternehmensberatern, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und die Arche B legte eine Bruchlandung hin &#8211; auf der Erde. Der Rest ist Geschichte. Ob Business-Experten und Vortragsredner auch zwangsemigriert wurden, ist nicht überliefert.</p>
<p>Für die Welt, die die Nachkommen der Notgelandeten prägten, hat Scherer ein Wort gefunden, auf das er ziemlich stolz ist: &#8220;Zuvielisation. Das ist doch die Hauptaufgabe des Marketings, die Kunden dazu zu bringen, Konsumentscheidungen vorzuziehen&#8221;, sagt der Fachmann, der sein Geld jahrelang genau damit verdient hat. &#8220;In Wirklichkeit brauchen die Menschen diese Waren gar nicht.&#8221; Und so funktioniere dann das Hamsterrad: Stress, Belohnung durch Konsum, das Geld dafür muss wieder verdient werden, daraus folge Stress &#8211; die Köder seien zahlreich.</p>
<p>Warum aber mutet Scherer sich selbst ein so stressiges, unstetes Leben zu? Die Schulden sind doch längst abbezahlt! Er verdiene gern, sagt er. Aber er entziehe sich dem Hamsterrad, er konsumiere kaum. Was also macht er mit all dem Geld? &#8220;Nix.&#8221;</p>
<p>Inzwischen lebt er mit Kind und Frau zusammen &#8211; &#8220;immer noch sehr puristisch, bis auf das Spielzeug&#8221;. Bei seinem &#8220;Unternehmen Erfolg&#8221; ist er nur noch Gesellschafter, das operative Geschäft überlässt er anderen. Bis Oktober nehme er keine weiteren Aufträge mehr an, sagt er, er wolle sich neu orientieren: &#8220;Persönlichkeitsentwicklung, seriöse Motivation, kein Tschaka&#8221;, sagt er. &#8220;Ich will die Menschen zum Weinen bringen.&#8221;</p>
<p>Er wolle Einstellungen verändern, die Leute irritieren. Menschen dächten linear: Wer die Zukunft plane, schaue in die Vergangenheit, er rechne sie hoch und flansche das hochgerechnete Stück vorne erneut an. &#8220;Es geht vorne genauso weiter, wie es hinten aufgehört hat.&#8221; Darüber wolle er sprechen, das habe er immer schon gewollt, aber der Weg sei ihm zu unsicher gewesen. Und so habe er lieber den sicheren Job des Marketing- und Sales-Redners ergriffen.</p>
<p>Wenn man sein Bild benutzen will, flanscht Scherer also jetzt ein Stück ganz frische Zukunft vorne an, er hat es zumindest ernsthaft vor. Auch in Osnabrück hat er Bröckchen seines neuen Ansatzes in seinen Vortrag eingestreut, die Zuschauer wurden dann immer ganz still.</p>
<p>Außerdem schreibt er ein neues Buch. Der Titel: &#8220;Es gibt ein Leben vor dem Tod&#8221;. </p>
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		<title>Und wie viel Macht hat Ihr Beirat?</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 09:42:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Profitruppe oder Klüngelkreis – Forscher der Universität Mannheim haben untersucht, welche Rolle
Beiräte in deutschen Unternehmen spielen. Ihre Studie zeigt: Das Gremium wird immer wichtiger]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Holz und Papier kennt man sich bei der Jacob Jürgensen GmbH &#038; Co. KG aus. „Wir stellen nichts her, wir haben<br />
keinen eigenen Fuhrpark“, sagt Andreas von Möller, einer der vier geschäftsführenden Gesellschafter. Stattdessen handelt das alteingesessene Hamburger Unternehmen mit Produkten aus Holz und Papier: Import-Export, 100 Mitarbeiter,<br />
150 Mio. Euro Umsatz, ein stabiles Geschäft seit 130 Jahren. Vor zweieinhalb Jahren hatte von Möller die Idee, einen  Möbelhändler zu kaufen, der Stahlbetten importiert. Der Geschäftsführer wollte den Kauf schnell über die Bühne bringen, doch da trat der Beirat des Unternehmens auf den Plan: „Unser Beirat löcherte uns damals nur so mit Fragen“, erinnert sich von Möller. Wie dieser Zukauf ins Portfolio passe, wollten die Herren wissen. Schließlich sei man auf Holz spezialisiert. Von Möller musste seine Entscheidung immer wieder rechtfertigen. „Wir mussten ein halbes Jahr nachsitzen, weil uns noch ein guter Lieferant fehlte und unser Produktmix nicht recht stimmte“, sagt von Möller. Dabei machte sich bezahlt, dass die Firma zwei gestandene Unternehmer im Beirat sitzen hatte. „Leute, die voll im Geschirr sind und wissen, was sie bei rauer See zu tun haben“, wie es von Möller ausdrückt. „Einer kennt sich mit Holz aus, der andere mit Papier.“ Am Ende sei die Akquise auch wegen der Interventionen des Beirats vernünftig über die Bühne gegangen. Heute vertreibt die Firma auch<br />
Betten, natürlich aus Holz.<br />
Dass das Zusammenspiel zwischen Geschäftsführung und Beirat bei Jakob Jürgensen so gut funktioniert hat, liegt auch an der Erfahrung. Schon vor 25 Jahren wurde das Gremium gegründet, vor allem „um die Nachfolge der letzten auf die heutige<br />
Führungsmannschaft vernünftig zu begleiten und zu moderieren“, erinnert sich von Möller. 1987 sei man unter den ersten Familienunternehmen gewesen, die einen Beirat installiert hatten.<br />
Was damals die Ausnahme war, wird heute immer mehr zur Regel. 41 Prozent der kleinen und mittelgroßen Betriebe in Deutschland haben inzwischen ein Aufsichtsgremium. Das ist das Ergebnis einer umfassenden Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IFM) der Universität Mannheim. Für die Studie haben die Wissenschaftler 15 000 Unternehmen<br />
mit bis zu 499 Mitarbeitern angeschrieben. 588 Firmen, darunter auch Jacob Jürgensen, haben sich an der telefonischen Umfrage beteiligt. „Die Bereitschaft der kleinen und mittleren Unternehmen, sich Beistand von außen zu holen, ist in<br />
den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, sagt Professor Michael Woywode, Institutsdirektor und Mitautor der Studie. „Immer mehr Unternehmer erkennen, dass sie mithilfe eines Aufsichtsgremiums ihre Firma professionalisieren und ihr Risiko minimieren können.“<br />
Für den Drang zum Beirat hat Woywode verschiedene Gründe ausgemacht: Zum einen beobachte er eine neue Generation von Unternehmenslenkern, die kein Problem damit hätten, die Firma für Expertise von außen zu öffnen. Zum anderen sei die Globalisierung dafür verantwortlich: „Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen, die keine Erfahrung mit der Internationalisierung oder der Gründung von Tochtergesellschaften haben, kann ein kompetenter Beirat eine wertvolle Hilfe sein“, sagt Woywode. Und drittens seien die Banken bei der Kreditvergabe an Mittelständler in den vergangenen<br />
Jahren immer restriktiver geworden. Die strengeren Eigenkapitalvorschriften Basel II und III zwingen die Finanzinstitute dazu, Kreditnehmer mit einem Bonitätsrating zu benoten. Viele Betriebe leisten sich auch deshalb einen renommierten Beirat, weil sie auf ein besseres Rating ihrer Hausbank hoffen.<br />
Die Neigung, einen Beirat zu gründen, nimmt der IFM-Studie zufolge mit der Größe und Reife eines Unternehmens zu: So haben 62 Prozent der Firmen, die sich nicht mehr als klassisches Familienunternehmen sehen, einen Beirat gebildet. Unter denen, die sich selbst als Familienfirmen betrachten, sind es lediglich 38 Prozent. Das liege nicht nur daran,<br />
dass die Geschäfte mit zunehmender Größe immer komplexer würden, sondern auch, weil ein Beirat der Familie die Möglichkeit biete, im Unternehmen involviert zu bleiben, sagt Woywode. In Familien mit weitverzweigten Stämmen kann ein Beirat als Mediator die verschiedenen Interessen ausgleichen. Vor allem aber könne das Gremium beim Übergang<br />
auf die nächste Generation oder bei Konflikten zwischen Familie und Fremdmanagement vermitteln.<br />
Im Gegensatz zu Aktiengesellschaften und GmbHs ab 500 Mitarbeitern, die nach dem Gesetz einen<br />
Aufsichtsrat haben müssen, steht es mittelständischen Betrieben unabhängig von ihrer Rechtsform<br />
frei, solch ein Gremium einzurichten. 61 Prozent der befragten Familienfirmen mit Aufsichtsgremium<br />
entschieden sich der IFM-Studie zufolge für einen Beirat, der Rest für einen Aufsichtsrat. Die Mehrheit<br />
der Unternehmen versteht die Funktion eines Beirats wörtlich: „Im Gegensatz zur Kontrollfunktion<br />
des Aufsichtsrats gründen die meisten Familienunternehmen einen Beirat vor allem, um sich von<br />
dessen Mitgliedern beraten zu lassen“, sagt Jan-Klaus Tänzler, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter am IFM. Dazu passt auch das Ergebnis, dass „die Familienunternehmen ihren Gremien besonders in den Punkten Entscheidungsfreude und Kritikfähigkeit einen signifikant höheren Wert als die Nichtfamilienunternehmen bescheinigen“, wie die Forscher schreiben.<br />
Bei der Besetzung jedoch „neigen Familienunternehmer immer noch viel zu oft dazu, Verwandte oder Freunde in den Beirat zu berufen, weil sie nur ungern Macht abgeben, auch auf die Gefahr hin, dass diese nicht objektiv urteilen“, sagt Tänzler. Und wer einmal drin ist, bleibt meist lange. 57 Prozent aller Familienunternehmen befristen die Beiratsmitgliedschaft<br />
nicht. Bei Nichtfamilienunternehmen ist dies lediglich bei 42 Prozent der Fall.<br />
Klüngelkreis statt Profitruppe? Ein Beirat solle auf jeden Fall ausgewogen besetzt sein. Erfahrung und Kompetenz müssten im Vordergrund stehen, nicht die Abstammung, rät Tänzler. Die meisten der befragten Firmen haben das beherzigt: Über 60 Prozent haben kein Familienmitglied im Beirat oder achten zumindest darauf, dass die Verwandtschaft in der Minderheit ist. Zehn Prozent sind ausschließlich mit Familienmitgliedern besetzt.<br />
Ein wichtiger Faktor sei die Unabhängigkeit eines Aufsichtsgremiums, sagt auch Jürgen Reker, der das Mittelstandsprogramm des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte leitet. Deshalb seien auch Wirtschaftsprüfer, Steuerberater oder der Vertreter der Hausbank nur bedingt als Beiräte geeignet, da sie bereits in anderer Funktion für das Unternehmen tätig seien. Zwar ist der Anteil an Familienfirmen, die ihren Steuerberater, Wirtschaftsprüfer<br />
oder den Sparkassenberater in ihren Beirat berufen, laut Studie mit über 25 Prozent noch immer recht<br />
hoch. Mehr als jeder dritte vom IFM befragte Mittelständler setzt allerdings lieber auf die Expertise von Unternehmern und Managern. Entscheidend sei auch die Entwicklungsphase des Unternehmens. „Während ein junges Technologieunternehmen meist kaufmännischen Rat sucht, brauchen reifere Unternehmen oft Unterstützung bei der Auslandsexpansion oder Begleitung in Nachfolgesituationen“, sagt Deloitte-Berater Reker.<br />
Im Durchschnitt sitzen in den Beiräten der vom IFM befragten Familienunternehmen 4,7 Mitglieder. Nichtfamilienunternehmen besetzen ihren Beirat im Schnitt mit 6,8 Mitgliedern. Die Wissenschaftler empfehlen, das Gremium mit einer ungeraden Zahl von Beiräten zu besetzen, um Pattsituationen zu vermeiden. Das allerdings habe nur die Hälfte der Firmen berücksichtigt, sagt Co-Autor Tänzler. So hat auch der Beirat des Hamburger Holzhändlers Jacob Jürgensen bis heute lediglich zwei Mitglieder. Zum einen aus Kostengründen, schließlich erhalten die beiden je zwischen 10 000 und 20 000 Euro im Jahr. „Zum anderen darf unser Beirat uns nur beraten, aber nichts entscheiden“, sagt Andreas von Möller.<br />
Der geschäftsführende Gesellschafter kann sich allerdings nicht erinnern, dass ein Patt je ein Problem<br />
gewesen sei. „Die sind sich eigentlich immer einig.“</p>
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		<title>Geld Spezial</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Feb 2012 12:52:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Entwickeln]]></category>

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		<description><![CDATA[zum Thema Immobilien]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[zum Thema Immobilien]]></content:encoded>
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		<title>Monopoly Neukölln</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Feb 2012 12:48:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Nirgendwo in Deutschland steigen die Immobilienpreise so stark wie in Berlin-Neukölln. Hier schlagen Käufer blind zu ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor drei Wochen haben sich die Kaufinteressenten fast geprügelt, nur um einen Platz für die Auktion zu ergattern. Dieses Mal ist alles friedlich, als Rechtspfleger Jürgen Kruse um 8.45 Uhr die Eichentür zum Saal 128 aufschließt. Kruse legt die Akte 70K11/11c für das Objekt Lichtenrader Straße 55 in Berlin-Neukölln auf den Sekretär aus der Gründerzeit und steckt seine Schreibtischlampe in die Steckdose. Während Kruse seine Akten sortiert, füllt sich der Saal allmählich. Kurz nach neun, als Kruse mit dem Protokoll beginnt, sind alle Plätze besetzt.</p>
<p>Jürgen Kruse arbeitet seit 25 Jahren als Rechtspfleger am Amtsgericht Neukölln, gleich gegenüber vom Rathaus in der Karl-Marx-Straße. Dieses Jahr geht er in den Ruhestand. Er kennt in Neukölln jede Straße und fast jedes Haus. » Furchtbar viel hat sich hier eigentlich nicht verändert«, sagt er.</p>
<p>Nur sein Job. Der hat sich sehr verändert, und das auch noch schnell. Seit zwei Jahren erlebt Kruse in seinem Viertel einen Immobilienboom, wie es ihn noch nie gegeben hat. Erklären kann Kruse ihn nicht.</p>
<p>Zwar rufen die Berliner Stadtmagazine seit fast 20 Jahren regelmäßig aus, dass »Neukölln kommt«. Nur wollte Berlins hässliches Entlein bisher einfach nicht kommen. Bis heute eben.</p>
<p>Warum aber steigen die Immobilienpreise und Mieten hier zurzeit noch stärker als anderswo in der Hauptstadt und im Rest der Republik? Auch die Experten wissen keine klare Antwort. Als möglichen Grund führen sie fast immer die Inflationsangst der Deutschen an. Dabei ist die Teuerungsrate zuletzt stetig gesunken ist; einige Ökonomen warnen sogar vor einer Deflation, also sinkenden Preisen.</p>
<p>Klar sind die Zinsen niedrig und die Kredite billig, für Bundesanleihen gibt es nicht mal mehr zwei Prozent. Vielleicht kann sich auch deshalb jeder vierte Deutsche laut einer Forsa-Umfrage vorstellen, in Immobilien zu investieren. Jeder dritte Berufstätige, der seine Altersvorsorge aufbessern möchte, plant einer Allensbach-Erhebung zufolge den Bau oder Kauf eines Eigenheims, 50 Prozent mehr als vor einem Jahr.</p>
<p>Zunächst profitieren davon Immobilien in wirtschaftlich starken Ballungsräumen wie München oder in Szenevierteln wie dem immer noch hippen Berlin-Mitte. Schwabing, Eimsbüttel und Prenzlauer Berg sind allerdings längst gentrifiziert (und damit teuer), und Kreuzberg ist auf dem besten Weg dahin &#8211; trotz des Widerstands der Alteingesessenen.</p>
<p>Also ziehen die Galeristen in Berlin nach Neukölln und die Studenten hinterher. Mit dem stillgelegten Flughafen Tempelhof hat der Stadtteil nun sogar ein Naherholungsgebiet vor der Haustür. Wenn Schnee liegt wie in diesen Tagen, sind dort Langlaufloipen gespurt.</p>
<p>In der Nähe des ehemaligen Flugfelds, am Richardplatz in Rixdorf und im Weserkiez ist Neuköllns lange herbeigeredeter Aufschwung tatsächlich schon zu spüren. Berlins Stadtmagazine bemühen bereits den Vergleich mit New Yorks Lower East Side in den Achtzigern.</p>
<p>Aber so weit ist es noch nicht. Neukölln bleibt bislang billig. Das lässt sich schon am Publikum bei der Zwangsversteigerung durch den Rechtspfleger Kruse erkennen. Es sind fast nur Privatpersonen, Leute, die Berlin kennen, »Insider«, wie sie Reiner Braun von der Beratungsfirma Empirica nennt, die »sich Prenzlauer Berg oder Kreuzberg nicht mehr leisten wollen und in Neukölln auf ein Schnäppchen im Hauptstadtboom hoffen«. Ziemlich normale Leute wie Wolfgang Schäfer* aus Wiesbaden. Ein unaufgeregter Typ, Augenbrauen wie Boris Becker, in Fjällräven-Kleidung. Er weiß, warum es neulich zur Rangelei bei der Zwangsversteigerung gekommen ist, schließlich kommt er regelmäßig in das Amtsgericht, heute zu seiner 20. Versteigerung. Vor drei Wochen sei der historische Saal mit seinen 45 Plätzen noch nicht fertig renoviert gewesen, die Kaufinteressenten seien in einen kleinen Raum mit vier Bänken gepfercht worden, erzählt der 46-Jährige.</p>
<p>Schäfer hat vor 20 Jahren schon einmal in Neukölln gewohnt. Seit sieben Jahren verbringt er ein Drittel seiner Arbeitszeit in Berlin. Jetzt will er nicht länger zur Untermiete wohnen, hätte gerne etwas Eigenes. Seit zwei Jahren sucht er schon, die Preisentwicklung in Prenzlauer Berg und Kreuzberg hat er verschlafen. » So langsam habe ich ein wenig Torschlusspanik«, sagt er. Mehr als 1300 Euro für den Quadratmeter will er trotzdem nicht bezahlen.</p>
<p>Auch Martin Daphi, Mitte 50, aus Osnabrück, hat früher in Neukölln gearbeitet. Daphi ist Lehrer, seine Kinder studieren in Berlin. Seine Frau und er können sich vorstellen, im Alter wieder dort zu leben.</p>
<p>Ganz anderes hat hingegen Zwangsversteigerungsgast Manfred Röttger* im Sinn. Er wohnt schon seit Ewigkeiten in der Neuköllner Weserstraße, war bereits auf mehr als 100 Zwangsversteigerungen, hat aber nie den Zuschlag bekommen. Den wollte er auch nicht. Röttger geht auf die Versteigerungen, um den Preis nach oben zu treiben. So will er Menschen wie Schäfer und Daphi, »die aus dem Westen einfallen und die Mieten erhöhen«, den Spaß verderben.</p>
<p>Ausländische Immobilieninvestoren versprechen sich viel von Berlin</p>
<p>Tatsächlich sind die Mieten in Neukölln zwischen 2007 und 2010 im Schnitt um 23 Prozent gestiegen, mehr als in allen anderen Bezirken Berlins. Auch wenn die Quadratmeterpreise in München immer noch drei- bis viermal so hoch liegen, ist die Veränderung auf dem Wohnimmobilienmarkt nirgendwo so sichtbar wie in Neukölln. Der Immobilienumsatz stieg im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent. » Dabei waren fast alle unsere Grundstücke und Objekte in Neukölln bis 2009 noch Ladenhüter«, sagt Holger Lippmann, Geschäftsführer des Berliner Liegenschaftsfonds. » Heute geben sich die Bieter die Klinke in die Hand.« Allein in den vergangenen drei Jahren haben sich die Kaufpreise für den Quadratmeter verdoppelt, zum Teil verdreifacht. Eine Folge: selbst Premiummakler überlegen, demnächst Niederlassungen in Neukölln zu eröffnen.</p>
<p>Rechtspfleger Kruse findet das viel zu teuer. Er hat noch erlebt, wie 110 Quadratmeter in der Neuköllner Sonnenallee für 5000 Euro über seinen Tresen gingen. » Nicht für den Quadratmeter, für die ganze Wohnung. Und zwar noch vor vier Jahren.« Damals seien zu den Versteigerungen drei Makler gekommen, und die hätten den Preis zuvor unter sich ausgemacht. Kruse, 63 Jahre, silbergrauer Schnauzer, trägt Röhrenjeans und ein auf Falte gebügeltes Hemd. Zwischen jungen Eltern, Studenten, Lebenskünstlern und den paar dick bebrillten Hipstern wirkt er fast so anachronistisch wie das mit Intarsien verzierte Eichenpaneel. So langsam würde er gerne zum ersten Gebot kommen, doch noch immer strömen potenzielle Bieter in den Saal.</p>
<p>Jahrelang wurde in Neukölln kaum neu gebaut, jetzt ist Wohnraum knapp</p>
<p>Es sind keine Makler mehr, aber auch noch nicht die ausländischen Investoren, die deutsche und vor allem Berliner Immobilien für sich entdeckt haben. Der Immobilienumsatz ist im vergangenen Jahr nach Hochrechnungen des Immobilienverbandes IVD um ein Fünftel auf über 150 Milliarden Euro gestiegen. In Ballungszentren wie München, Hamburg und Stuttgart sind Eigentumswohnungen in guten Lagen auch deshalb bis zu 60 Prozent teurer als noch vor drei Jahren.</p>
<p>In Berlin ist die Zuversicht gerade von ausländischen Kapitalanlegern dabei am größten. Das jedenfalls ist beim Trendbarometer Immobilien-Investmentmarkt 2012 der Ernst &#038; Young Real Estate herausgekommen. Die 550 befragten Unternehmen und Investoren favorisieren den Wohnungsmarkt der deutschen Hauptstadt vor allen anderen europäischen Städten. Passend dazu, rechnet der IVD auf seiner Homepage vor, dass eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Berlin nur halb so viel koste wie in Brüssel. In Stockholm würden im Schnitt 496000 Euro für eine Wohnung bezahlt, in Berlin nur 112000 Euro.</p>
<p>An diesem Morgen versteigert Jürgen Kruse die Wohnung 11/3 im Vorderhaus, dritte Etage, 58 Quadratmeter, Kaltmiete 288 Euro, mit unverbautem Blick auf das Tempelhofer Feld. Verkehrswert: 35000 Euro. Das entspräche einem Quadratmeterpreis von 600 Euro und einer Mietrendite von fast zehn Prozent. Der Abgesandte der Gläubigerbank DKB weist aber gleich darauf hin, dass unter 44000 Euro nichts zu machen sei.</p>
<p>Geplänkel könne man sich also sparen, sagt Gentrifizierungsgegner Manfred Röttger zu seinem Sitznachbarn in Reihe zwei und treibt den Wiesbadener Wolfgang Schäfer dann in Hunderterschritten bis auf 58100 Euro &#8211; und dessen Rendite auf unter sechs Prozent. Hinter ihm flüstert Martin Daphi seiner Frau zu, dass sie eigentlich auch später hätten kommen können, und schaltet sich entschlossen mit seinem ersten Gebot von »59000!« ein.</p>
<p>Schäfer in Reihe eins kontert abgebrüht mit »60000«. Daphi verkündet zuversichtlich »61000!« Röttger erhöht mal wieder um 100. Das Spiel wiederholt sich, bis Daphi sein Gebotsschild noch einmal zückt, aber schon hörbar zögerlicher »66000!« ruft. Doch auch Schäfer lässt sich nicht lumpen, dann erhöht Röttger noch einmal um 100, ehe Schäfer ihn mit 73000 Euro abzuschütteln versucht. Die Mietrendite ist zu diesem Zeitpunkt auf unter fünf Prozent gefallen.</p>
<p>Da klinkt sich erstmals Benjamin Wille mit 73500 Euro in das Bietergefecht ein. Mit seinen wilden Locken sieht er eher aus wie einer, der sich mit Röttger gegen steigende Mieten solidarisieren müsste. Tut er aber nicht. Der Ludwigsburger arbeitet seit sieben Jahren in Berlin, als Architekt in der Stadtentwicklung. Er hat gespart, versteht nichts von Aktien oder Gold, kennt sich aber mit Immobilien aus. Wille glaubt an Neukölln, als Stadtentwickler kennt er die Planwerke der Stadt, so etwas wie die nicht öffentlichen Flächennutzungspläne. » Der Südosten Berlins, also die Achse Tempelhof-Neukölln-Treptow-Adlershof bis zum neuen Flughafen, ist einer der wichtigsten Entwicklungskorridore der Stadt«, sagt Wille.</p>
<p>Auch Reiner Braun von der Beratungsfirma Empirica ist optimistisch: »Es sprechen eine Reihe rationaler Gründe für den Kauf einer Immobilie in Berlin und Neukölln. Berlins Einwohnerzahl steigt seit elf Jahren kontinuierlich, die Zahl der Haushalte wächst noch stärker, bis 2020. Es wollen immer mehr Menschen alleine in einer Wohnung leben.«</p>
<p>Das Wohnungsangebot habe in den vergangenen Jahren mit dieser Nachfrage nicht mitgehalten, sagt Braun: »Der Leerstand wurde abgebaut, jahrelang gab es kaum Neubauten.« Wurden 1997 noch 30000 Wohneinheiten fertiggestellt, waren es nach 2006 nur knapp 3000 pro Jahr. Und in Neukölln entstanden so wenige Neubauten wie in kaum einem anderen Stadtteil.</p>
<p>Argumente, die auch Wille kennt. Er will bis 1300 Euro pro Quadratmeter gehen. Das wären 75400 Euro. Er ist eigentlich einer, der sich nicht hinreißen lässt, zumal er die Wohnung nicht von innen gesehen hat. Wie alle hier im Saal vertraut er allein auf das Gutachten. Er hat sich aber wenigstens den Innenhof und das Treppenhaus angeschaut und überbietet Martin Daphi aus Osnabrück bei 76500 Euro ein letztes Mal. Auch Wolfgang Schäfer wollte eigentlich nicht so viel Geld für die Zweizimmerwohnung ausgeben. Während der Versteigerung hat er seine Meinung geändert. » Wegen des Andrangs«, sagt er. Vielleicht hat er auch einfach keine Lust mehr auf weitere Versteigerungen. Bei 77000 Euro erteilt ihm Jürgen Kruse den Zuschlag. Schäfer zahlt 1328 Euro für den Quadratmeter.</p>
<p>Ein Münchner könnte darüber nur lachen. </p>
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		<title>Die Freischreiberin</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 11:46:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Erst die Karriere, dann der Traum von einem anderen Leben. Bei den meisten bleibt es ein Traum. Olga-Tatjana Rauch hat ihn wahr gemacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Weg zum Haus, in dem Olga-Tatjana Rauch einmal gewohnt hat, führt steil hinauf durch den Viktoria-Park. Der neblige Spätherbst hat sich dieses Jahr auch im Taunus verspätet, im November glänzen die Wiesen noch im Sonnenlicht. Oben angekommen schaut man hinunter auf den S-Bahnhof des verschlafenen Örtchens Kronberg. 15 Minuten dauert es von hier bis in die Bankenstadt Frankfurt. Rauch hat dort bis vor gut zweieinhalb Jahren gearbeitet, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG war sie zuständig für Commercial Due Diligence. Sie hat Fusionen großer Unternehmen vorbereitet und begleitet.</p>
<p>Von Tatin Giannaros Balkon sieht man bei gutem Wetter die hohen Türme der Metropole in der Sonne glänzen. Denn nicht mehr Olga-Tatjana, Tatin Giannaro wohnt nun hier. So nennt sie sich heute. Sie hat ihr Leben in den vergangenen zwei Jahren radikal verändert: Sie wurde Schriftstellerin.</p>
<p>Sie hat das gemacht, wovon viele erfolgreiche Menschen in der Mitte ihres Lebens nur reden. Sie ist ausgestiegen.</p>
<p>Dabei hat sie gar nichts gegen ihr altes Leben, sie ist sogar stolz darauf. Sie war eine sehr gute Schülerin, nach Chemie-Studium und Promotion in Heidelberg kam der erste Job bei Bayer, wo sie aus der Forschung schnell auf eigenen Wunsch ins Marketing wechselte. Doch die Karrierechancen schienen begrenzt. Also machte sie einen ersten entschlossenen Schnitt. Sie kündigte, ging auf eigene Kosten nach New York an die Columbia University, investierte dort neben Geld viel Zeit in einen Master of Business Administration.</p>
<p>Zurück in München wartete schon das Angebot von Süd Chemie. Für den Spezialchemie-Konzern suchte sie mit ihrem kleinen Team nach Start-ups, die ins Portfolio des Unternehmens passten. Von dort ging es weiter zur KPMG, wo sie nach einigen Jahren harter Arbeit &#8211; Laptop und Blackberry waren immer im Urlaubsgepäck &#8211; auf den sogenannten &#8220;Partner-Track&#8221; gelangte: die Chance, Teilhaber der Firma zu werden. Da kündigte sie.</p>
<p>Wie alt sie ist, sagt die Schriftstellerin nicht. Vom Lebenslauf her dürfte sie Anfang 40 sein. Sie sieht jünger aus.</p>
<p>Gelesen habe sie immer gern und viel, aber inzwischen komme sie kaum noch dazu. Im Sommer am Meer habe es Tage gegeben, an denen sie nicht schwimmen gehen konnte, weil sie ihr neues Buch fertigstellen musste. Größere Ambitionen scheint sie nicht zu haben, gefragt nach ihren Lieblingsbüchern fällt ihr nichts ein: &#8220;Seit ich selbst Romane schreibe, habe ich alles andere aus meinem Gedächtnis verbannt, damit ich meine Gedanken in meinem eigenen Stil ausdrücken kann. Mich interessieren Menschen, ihr Verhalten, die Emotionen, die durch ein Verhalten ausgelöst werden oder die Verhalten auslösen &#8211; Themen wie Liebe, Treue, Verrat, Intrigen und Kampf.&#8221;</p>
<p>Sie habe viel Selbstvertrauen von zu Hause mitbekommen, sagt sie, um sie herum leuchten die Gemälde und bemalten Möbel ihrer Mutter, einer Malerin. Das Kronberger Haus ist ihr elterliches Heim, inzwischen gehört es ihr. Die Eltern verbringen viel Zeit in Griechenland, dem Heimatland der Mutter.</p>
<p>&#8220;Was ist der Sinn des Lebens, was kann ich zu dieser Welt beitragen?&#8221;, habe sie sich gefragt. Hätte sie sich an die Festanstellung geklammert, wäre nichts anderes mehr gegangen; sie wusste: Das geht nur ganz oder gar nicht. Sie habe sich nicht irgendwann die Frage stellen wollen: Was wäre gewesen, wenn? &#8220;Ich habe mich immer dafür entschieden, mutig zu sein und die Dinge anzupacken, unabhängig davon, wie es tatsächlich ausgehen wird.&#8221;</p>
<p>Die Geschäftsfrau steckt immer noch in ihr</p>
<p>Ihr altes Ego ist nicht verschwunden. Regelmäßig kommt die Geschäftsfrau bei der Autorin Giannaro zum Vorschein: Eine Marktanalyse habe sie gemacht, bevor sie sich auf den Buchmarkt gestürzt habe, einen Businessplan aufgestellt. &#8220;Jeder Verlag hat ein Portfolio von neuen Titeln, in die er investiert, das ist wie bei einem Risikokapital-Fonds&#8221;, sagt sie. &#8220;Manche Titel bringen nicht einmal ihre Investitionskosten rein, andere kommen mit plus/minus null raus, und einige wenige ziehen das ganze Portfolio nach oben.&#8221;</p>
<p>Sie selbst begann mit einem Titel. Den brachte sie aber schon knapp zwei Monate nach ihrem letzten Arbeitstag bei der KPMG heraus. Die Kollegen hätten gestaunt.</p>
<p>Überhaupt die Kollegen. Ein paar sind zu sprechen, und allesamt sagen sie, wie &#8220;mutig&#8221; sie den Schritt ihrer ehemaligen Mitstreiterin finden. Geahnt haben die meisten nicht, dass sie schreibt &#8211; &#8220;das erzählt man ja auch nicht im Geschäftsleben&#8221;. Sie berichten von einer harten, analytischen, kompetenten Kollegin, und kaum einer zweifelt daran, dass die auch in ihrem neuen Beruf reüssiert. Nicht aus Höflichkeit, so scheint es, sondern weil sie sich das bei jemandem, der eine solche Karriere aufgibt, gar nicht anders vorstellen können.</p>
<p>In nur gut zwei Jahren hat Tatin Giannaro drei Bücher veröffentlicht, &#8220;Träume, grüne Tränen, Liebe&#8221;, &#8220;Schatten im Apfel&#8221; und &#8220;Die gelbe Perlenkette&#8221; &#8211; die Geschichten, die sie erzählt, sind nicht das Ergebnis einer Marktanalyse. Zurzeit plant sie den vierten Roman. Jedes Jahr, 2009, 2010, 2011, war sie auf der Frankfurter Buchmesse, am kleinstmöglichen und billigsten Stand. Schließlich hat sie keinen Verlag im Rücken. Nur ein ganz kleiner interessierte sich für ihr Manuskript, doch als sie die Konditionen gesehen hatte, entschied sie sich dagegen. Sie schaute sich lieber an, was ein Verlag macht und wohin der Kaufpreis für ein Buch fließt, von dem der Autor nur einen kleinen Teil bekommt, und stellte fest: Das kann ich selbst.</p>
<p>Sie schreibt nicht nur, sie ist auch ihre eigene Lektorin: &#8220;Ich speichere das Manuskript ab und setze den Hut der Autorin ab und den der Lektorin auf. Dann kürze ich auch Sätze, die der Autorin ans Herz gewachsen sind.&#8221; Als Verlegerin lebt das alte ökono-misch-analytische Ich weiter, der Verlag firmiert unter Olga-Tatjana Rauch. Die Mutter liefert die Vorlagen zur Gestaltung der Buch-Cover und ist die &#8220;erste Leserin und schärfste Kritikerin&#8221;.</p>
<p>Für die Druckerei muss die Verlegerin Geld ausgeben, zwischen zwei und drei Euro pro Buch. Das erste hat sie in einer Auflage von 1000 drucken lassen, die nächsten beiden zu je 2000 Stück. Hinzu kommen nicht nur die Messebesuche, sondern auch der Vertrieb, die Bearbeitung ihrer Website, ein wenig Facebook und natürlich unzählige Gespräche: &#8220;Ich bin 24 Stunden im Marketing-Modus.&#8221; Wie viele Bücher sie bisher verkauft hat, mag sie nicht sagen, nur so viel: &#8220;Es müssten mehr sein &#8211; ich will erst mal meine Investitionskosten zurück, ich bin noch nicht im Break-Even.&#8221; Sie lebt von ihrem Ersparten.</p>
<p>Und dann sagt sie noch: &#8220;Wenn mir jemand sagt, Sie haben mir schöne Emotionen, ein schönes Erlebnis geschenkt, als ich Ihr Buch gelesen habe, gibt mir das eine Freude, die man in anderen Berufen schwer bekommen kann.&#8221;</p>
<p>Olga-Tatjana Rauch war erfolgreich und stolz auf ihren Erfolg. Tatin Giannaro hat wenig Erfolg, aber sie scheint glücklich zu sein. Außerdem rufen immer noch Headhunter aus der Chemie-Branche an. </p>
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		<item>
		<title>Das Meilenrätsel</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 11:42:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer viel reist, wird mit Flugmeilen belohnt. Doch wie viel ist eine Meile eigentlich wert?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zehn Millionen Flugmeilen &#8211; das ist das Lebensziel von Ryan Bingham. George Clooney porträtiert ihn in der Tragikomödie &#8220;Up in the Air&#8221;.</p>
<p>Dem Unternehmensberater geht es in seiner Sammelwut nicht um den nächsten Langstreckenflug für die ganze Familie, auch nicht um ein paar Tage in einem Wellness-Hotel oder was die Fluggesellschaft sonst noch in ihrem Prämienkatalog feilbietet.</p>
<p>Ryan Bingham will nach ganz oben: Er will den exklusiven Meilen-Multimillionär-Status erreichen. Seiner Kollegin schwärmt er &#8211; natürlich auf einer Flugreise &#8211; vom lebenslangen Executive-Status, von einem nach ihm benannten Flugzeug und einem Treffen mit dem Chefpiloten von American Airlines vor.</p>
<p>Bingham geht es um den Status, den meisten anderen Meilensammlern um den Tauschwert ihres Guthabens. Und viele fragen sich: Was ist eine Meile eigentlich wert?</p>
<p>Doch wer einmal bei der Fluggesellschaft nachfragt, landet hart &#8211; aber nicht auf dem Boden der Tatsachen.</p>
<p>Denn der Meilenwert ist geheim: &#8220;Das zugrunde liegende Geschäftsmodell hierzu und weitere Prozesse sind wettbewerbsrelevant, deshalb möchten wir diese nicht veröffentlichen&#8221;, antwortet zum Beispiel die Deutsche Lufthansa auf Fragen zu ihrem Miles-&#038;-More-Programm. Auch Verkehrswissenschaftler berichten, dass sie bei dem Versuch, das Meilenrätsel zu entschlüsseln, regelmäßig von den Fluggesellschaften an die frische Luft gesetzt werden.</p>
<p>Dabei kann man sich einer Antwort zumindest annähern. Man muss dazu zwischen Status- und Prämienmeilen unterscheiden. Statusmeilen kann man sich nur erfliegen, und sie bringen, wie der Begriff sagt, Statusvorteile. Das muss ja nicht gleich der eigene Name auf dem Rumpf einer A380 sein. Aber so mancher Fluggast freut sich über den Zugang zur exklusiven Lounge oder den Vortritt beim Check-in. Was das dem Einzelnen wert ist, variiert von Mensch zu Mensch und lässt sich nicht in Euro und Cent umrechnen.</p>
<p>Meilen stehen auch in der Unternehmensbilanz</p>
<p>Aber Statusmeilen sind immer auch Prämienmeilen. Die kann man auch ergattern, ohne zu verreisen. Etwa indem man bei einem der zahlreichen Partner einer Airline einkauft, mietet oder logiert. Modeketten, Mietwagenfirmen und Hotels locken mit Meilen. Und für die gibt es im Gegenzug Güter, die einen Wert haben.</p>
<p>Wie hoch der sein kann, zeigt eine wahre Geschichte, die in dem Film &#8220;Punch-Drunk Love&#8221; nacherzählt wird. Ihr Held im realen Leben: der Kalifornier David Philips alias &#8220;The Pudding Guy&#8221;. Er errechnete 1999, dass sich aus einer gemeinsamen Werbeaktion eines Puddingherstellers und einer Fluggesellschaft ein ziemlich ordentlicher Profit schlagen lässt: Für etwas mehr als 12 000 Puddings im Gesamtwert von rund 3000 US-Dollar erhielt er 1 253 000 Vielfliegermeilen &#8211; die hätten für mehr als 30 Tickets von den USA nach Europa gereicht &#8211; hin und wieder zurück, wohlgemerkt.</p>
<p>Seit American Airlines 1981 das Kundenbindungsprogramm erfand, haben sich Flugmeilen zu einer echten Währung entwickelt. Im Jahr 2005 überschlug der &#8220;Economist&#8221;, dass Passagiere Flugmeilen im Wert von rund 700 Milliarden US-Dollar gehortet hätten &#8211; mehr als alle US-Dollar-Noten und Münzen, die damals im Umlauf waren.</p>
<p>Dabei ging das Magazin von einem Preis zwischen einem und zehn Cent pro Meile aus und nahm für seine Rechnung den Mittelwert: fünf Cent. Ein Vierteljahrhundert hätte es gedauert, bis all diese angesparten Meilen mit Gutscheinen abgeflogen gewesen wären &#8211; wenn sie denn nicht, in der Regel nach drei Jahren, verfallen würden.</p>
<p>Die Betriebswirtschaft hinter der Flugmeile ist mysteriös. Ist es der Preis eines Puddings oder doch der eines Flugtickets, geteilt durch die zu sammelnden Punkte, der ihren Wert bestimmt?</p>
<p>Oder anders gefragt: Was hat das Ganze den Süßspeisenhersteller &#8211; der die Meilen vermutlich erworben hat &#8211; beziehungsweise die Airline gekostet?</p>
<p>Die Kosten der Fluggesellschaften lassen sich in der Bilanz nachschlagen. So wurden bei der Deutschen Lufthansa im vergangenen Geschäftsbericht zum 31. Dezember 2010 die Rückstellungen für 198 Milliarden Meilen mit 605 Millionen Euro bewertet. Das ergibt einen Wert von 0,31 Cent pro Meile. Wie der sich genau errechnet, verrät das Unternehmen nicht.</p>
<p>Die Bahn, bei der sich eine Abteilung mit rund 30 Mitarbeitern um die Bonusprogramme kümmert, ist da etwas offener. Auch sie muss Rückstellungen für ihre Bahn-Bonuspunkte bilden. Und unterliegt damit der europäischen Bilanzierungsrichtlinie IFRIC 13. Die schreibt &#8211; grob gesagt &#8211; Folgendes vor: Wenn als Gegenwert für 5000 Bonuspunkte ein Koffer winkt, muss das Unternehmen diese Punkte zum Wert des Koffers bilanzieren. Und zwar nicht zum Einkaufspreis, sondern zum Marktpreis &#8211; also dem Preis, den ein Kunde dafür bezahlen würde.</p>
<p>Monatlich aktualisiert die Bahn diese Zahlen. Rechnen wir nach: Nehmen wir die Schultertasche S-Cape von Samsonite, die, in Schwarz, zurzeit 45,89 Euro bei Amazon kostet &#8211; abzüglich Mehrwertsteuer ist sie 38,56 Euro wert. Bei der Bahn ist sie für 2500 Bonuspunkte zu haben, damit hätte, zumindest laut ihrer eigenen Rechnungslegung, ein Bonuspunkt den Gegenwert von 1,5 Cent und für den Bahnkunden, der die Umsatzsteuer mitbezahlt, gut 1,8 Cent. Allerdings dürfte der Konzern als Großkunde im Einkauf bessere Preise erzielen &#8211; damit ist der Wert für den Kunden korrekter kalkuliert als für das Unternehmen.</p>
<p>Ein weiterer Versuch, den Preis zu bestimmen, führt über die Meilenkaufprogramme der Airlines. Wem noch Punkte für die ersehnte Prämie fehlen, der kann sie sich auch einfach kaufen. Delta Air Lines verlangt zum Beispiel 3,5 US-Cent pro Meile, American Airlines 2,75 bis 2,95 US-Cent. Bei der Deutschen Lufthansa kostet eine Meile zwischen 3,5 Euro-Cent (für bis zu 1000 Meilen) und 2,4 Euro-Cent (ab 12 000 Meilen).</p>
<p>Enttäuschte Sammler rechnen nach</p>
<p>Interessant ist wiederum der Vergleich mit dem Prämienkatalog. So bietet die Lufthansa ihren Vielfliegern unter vielen anderen Prämien einen Gutschein der Herrenmodekette Anson&#8217;s. 7500 Meilen berechtigen dort zum Einkauf im Gegenwert von 22,73 Euro. Wer diese 7500 Prämienmeilen aber bei der Lufthansa kaufen würde, müsste 195 Euro berappen, was wohl nur Verrückte täten, jedenfalls zum Zwecke des Anzugserwerbs.</p>
<p>Von solchen Angeboten enttäuscht, zog ein Mathematikprofessor im November gar gegen das Bonusprogramm der Fluggesellschaft vor Gericht: Anfang des Jahres habe Miles &#038; More den Gegenwert der Meilen gesenkt. Dadurch hätten seine Meilen 40 Prozent ihrer Tauschkraft eingebüßt. Die Streitsumme sei auf 20 000 Euro festgelegt worden. Wie viele Meilen der Professor angesammelt hat, wollte er nicht verraten.</p>
<p>Dabei ist das Meilenrätsel gar nicht so schwierig, wie es scheint. Nach dem Wert einer Meile befragt, sagt Christos Evangelinos, Verkehrswissenschaftler von der TU Dresden: &#8220;Die einfachste Antwort ist: null.&#8221; Denn erst der 1000. Sammelpunkt macht die 1000-Punkte-Prämie erschwinglich, 999 sind nichts wert.</p>
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		<title>Sonnemann</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 13:20:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Finance for all? 
Die Zukunft der Mikrofinanz]]></description>
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		<title>Über den Hörsaal in die Arbeitslosigkeit</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 13:16:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marcus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[In Nordafrika und im Nahen Osten hat mehr als jeder vierte Jugendliche keinen Job. Eine NGO in Jordanien versucht, mit Studienkrediten zu helfen. Dabei studieren die meisten schon heute am Arbeitsmarkt vorbei.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vom Foto auf dem Fenstersims lächelt Nataly unter einem Hut hervor, wie ihn auch amerikanische College-Absolventen tragen. Als Jahrgangsbeste, mit 86 von hundert Punkten, hat sie das Tawjihi, so heißt das Abitur in Jordanien, bestanden. Das junge Mädchen ist stolz auf ihren Abschuss, noch mehr aber spricht aus der 19-Jährigen die Vorfreude darauf, endlich studieren zu dürfen. Am liebsten Rechungswesen an der Deutsch-Jordanischen-Universität in Amman. Die Privatuniversität in der Hauptstadt ist die Elite-Uni Jordaniens.<br />
Das Foto ist erst ein paar Wochen alt, ihre Eltern haben es hinter dem Esstisch drapiert. Statt zu studieren hat Nataly erst mal ein Wartesemester eingelegt —, einlegen müssen. Ihre Eltern sind seit über einem Jahr arbeitslos. Wie bei drei von vier Haushalten Jordaniens reicht das Geld nicht einmal für die Studiengebühren an einer der staatlichen Universitäten. Nataly hofft jetzt auf einen Studienkredit der Arab Student Aid International (ASAI), eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die Studenten einen Teil des Studiums finanziert, ihnen Nebenjobs vermittelt oder ihnen dabei hilft, sich nach dem Studium zu bewerben. Für Nataly ist die ASAI die einzige Hoffnung, überhaupt studieren zu können. Nur mit dem Tawjihi habe sie auf keinen Fall eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, sagt sie. Und wenn sie an einer der staatlichen Unis studiert, verbessert sie die Chance auf einen Job bestenfalls ein bisschen.<br />
Wie Nataly Arakelian geht es Millionen Jugendlichen in Nordafrika und im Nahen Osten, der so genannten MENA-Region (Middle East North Africa). Im Gegensatz zu Asien oder Afrika sind junge Menschen unter 25 Jahren hier gut ausgebildet, der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zufolge hat aber mehr als jeder Vierte keinen Job. Nirgendwo sonst auf der Welt sei die Arbeitslosenquote höher. Und dabei macht es statistisch keinen Unterschied, ob sie studieren oder nicht, unter Hochschulabsolventen ist die Quote fast ebenso hoch. „Der Arbeitsmarkt kann mit der Bevölkerungsexplosion nicht mithalten“, sagt die jordanische  Bildungsexpertin Mona Taji. So ist die Zahl der Erwerbsfähigen in den MENA-Ländern seit dem Jahr 2000 von 104 Millionen auf 146 Millionen im Jahr 2010 gestiegen. Und bis zum Jahr 2020 rechnet die International Finance Corporation (IFC) mit 185 Millionen. Um die Arbeitslosenquote auf den Weltschnitt von sechs Prozent zu drücken, müssten in der Region laut IFC bis zu 15 Millionen Jobs entstehen. Die Weltbank-Organisation schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden der Jugendarbeitslosigkeit in der arabischen Welt auf 40 bis 50 Milliarden Dollar – jährlich. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Tunesiens. Ganz abgesehen von der Frustration einer ganzen Generation –einer der Treiber der „Jasmine Revolution“.<br />
Jordanien, behütet von König Abdullah II., ist eines der wenigen Länder, in dem sich die Revolutionsbewegung bislang kaum entfaltete, obwohl die Jugendarbeitslosigkeit dort sogar noch etwas höher ist als in Ägypten oder Tunesien. Drei Viertel der Jugendlichen glauben einer Studie der Frankfurt School of Finance &#038; Management zufolge schon während des Studiums nicht daran, einen Job zu finden, obwohl kein anderes Land der arabischen Welt so sehr auf Bildung setzt wie das kleine Königreich. Von den 6,3 Millionen Einwohnern gehen 1,7 Millionen zur Schule, 500.000 studieren an einer der 33 Universitäten. Von den 65.000 Absolventen finden aber nur 5.000 einen Job, und die haben entweder auf den teuren, privaten Elite-Unis studiert oder einen der raren Plätze in speziellen Programmen der staatlichen Hochschulen ergattert. So ebnen Studienkredite zwar jungen Frauen wie Nataly den Weg in den Hörsaal, nicht aber in Lohn und Brot.<br />
Almeera Yaaqbeh, die Chefin der ASAI, glaubt dennoch daran, aber sie ist auch chronisch optimistisch. „Studieren ist der Anfang von allem, gerade für die jungen Frauen“, sagt die Frau, deren 50 Jahre sich nur schwer schätzen lassen, wenn sie in Bewegung ist, und das ist sie eigentlich immer. Selten hat sie eine Hand frei, Handy und Zigarette sind längst mit ihr verwachsen. Natürlich trägt sie kein Kopftuch, Religion ist der Palästinenserin einerlei, ihre Schwester sei mit einem Christen verheiratet, ihr Onkel sei Jude. Sonst würde sie sich vielleicht auch nicht bei jeder Gelegenheit mit arabischen Männern anlegen, denen sie unterstellt, von nichts eine Ahnung zu haben, außer vom „Frauen sammeln“. Und wenn eine „ihrer“ Studentinnen sagt, sie wolle später arbeiten, auch wenn sie verheiratet sei, applaudiert Yaaqbeh mit einem lauten „Bravo“. Sie ist so etwas wie eine Mischung aus Alice Schwarzer und Popeye.<br />
200 Studenten hat Yaaqbeh bereits mit einem Kredit ausgeholfen, im Schnitt mit 2.000 Jordanischen Dinar pro Studienjahr, das sind ziemlich genau 2.000 Euro. Einen Kredit erhalten nur die besten Abiturienten, und wer schwänzt oder die Prüfungen verhaut, bekommt im nächsten Semester kein Geld mehr. Die Wahl des Studiengangs überlässt die ASAI den Studenten. Wer will, kann auch Philosophie studieren. Dabei weiß auch Yaaqbeh, dass die Nachfrage nach Arbeit so viel größer ist als das Angebot.<br />
Zwar rühmt sich König Abdullah II. in seiner kürzlich erschienen Biografie damit, dass sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (2.795 Dollar) seit Beginn seiner Amtszeit 1999 verdoppelt habe, doch die ärmere Bevölkerung hat davon kaum profitiert. Vor allem wegen der politischen Wirren in der Region kriselt die jordanische Wirtschaft seit Jahren. Die Handelsbilanz ist chronisch defizitär, jeden Tag gibt das Land drei Millionen Dinar für Gas aus Ägypten und Öl aus Saudi-Arabien aus. Obwohl in Jordanien seit über 30 Jahren Frieden herrscht, machen Touristen wegen der unsicheren Nachbarländer lieber einen Bogen um das Land. Die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen weitet sich so immer weiter aus, die Verschuldung ist bis auf xxx Milliarden, xx Prozent des Bruttoinlandsprodukts, geklettert. „Der Staat musste privatisieren, das kostete zusätzlich Jobs. Und die Privatwirtschaft schafft es längst nicht, das aufzufangen. Das liegt vor allem daran, dass Jordanien keine Vision hat“, sagt Beraterin Taji. „Wir wissen nicht, was wir wollen. Wir schauen nicht richtig in die Zukunft“. So habe das Land die Entwicklung der Solarenergie völlig verschlafen, obwohl es dafür kaum einen besseren Standort gebe. Statt Ingenieurwesen studiert wie in der gesamten MENA-Region fast jeder zweite Sozial- oder Geisteswissenschaften. „Unsere Studenten suchen im Durchschnitt drei Jahre lang einen Job, weil sie am Arbeitsmarkt vorbei studieren“, ärgert sich Taji.<br />
Vielleicht wird es auch Faris Husein Fayez al-Zayed so gehen, der an der privaten Philadelphia-University vor den Toren Ammans einer von 1.000 Studenten ist, die sich für den Bachelor-Studiengang in Rechnungswesen eingeschrieben haben. Der imposante Sandstein-Campus schält sich kaskadenförmig in die schroffen Felsen der Tal Al Rumman-Berge. Unten auf dem Hof wartet eine Flotte gelber Hyundai-Busse darauf, die Studenten am Abend wieder nach Amman zu transportieren. Eine Stunde braucht Faris bis nach Hause mit dem gelben Bus. Jetzt sitzt der 19-Jährige in der Bibliothek und wälzt einen Schinken mit dem Titel „Intermediate Accounting Volume 1“. Im ersten Semester fühlte er sich hier noch ein wenig fehl am Platz, eigentlich habe er Ingenieur werden wollen, doch seine 68 Punkte im Tawjihi waren dafür nicht gut genug. Mittlerweile aber kann Faris eine Bilanz lesen, eine Gewinn- und Verlustrechnung interpretieren und den Cashflow eines Unternehmens berechnen. Gerade erst haben sie im Seminar die letzte Bilanz von Lehman Brothers ausgewertet.<br />
Noch nie hat Faris eine Vorlesung geschwänzt. Um ihm die ersten Semester zu finanzieren, hat seine Mutter ihren Goldschmuck verkauft. Danach hat auch er bei der ASAI einen Kredit aufgenommen, bislang 1.800 Euro. Insgesamt wird ihn der Bachelor etwa 12.000 Euro kosten. Um allen drei Brüdern ein solches Studium zu finanzieren, reicht das Geld der Eltern hinten und vorne nicht. Die drei teilen sich ein 16 Quadratmeter-Zimmer und einen alten Computer.<br />
Faris trägt Jeans, unter seinem  gefaketen Ralph Lauren-Hemd zeichnet sich kein Gramm Fett ab. Er ist schon mal zehn Kilometer in der Dürre des Toten Meers gelaufen, er spielt Basketball, Volleyball, am liebsten aber Fußball. Er liebt die brasilianische Nationalmannschaft und wegen Kaká auch Real Madrid. Er lasse sich nicht unterkriegen, sagt er. Das habe er von seinem Vater, der in den achtziger Jahren Sportwissenschaft an der DHFK Leipzig studierte. Sein Vater war Volleyballnationalspieler und später auch Nationaltrainer. In den neunziger Jahren ging er mit einer Green Card nach San Francisco, um dort Shishas und andere arabische Devotionalien zu verkaufen. „Das lief super“, sagt Faris, „bis zum 11. September“. Also kam er zurück nach Amman und arbeitet heute als Dispatcher bei der Autovermietung Hertz. „Früher ging es uns besser, da musste unsere Mutter nicht arbeiten“, sagt Faris. Er weiß, dass er mit dem Bachelor von der Philadelphia wohl keinen Job findet. „Was wir lernen, reicht nicht“, sagt Faris. „Es gibt kaum Praktika, und wenn, müssen die Studenten dafür bezahlen.“<br />
Auch wenn das Bildungssystem Jordaniens besser ist als das der meisten Nachbarländer, die meisten Studenten sind nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, wissen nicht, wie sie sich bewerben sollen. Viele haben während des Studiums nie ein Unternehmen von innen gesehen. Kaum eine Hochschule bietet Karriereberatung oder Recruiting-Veranstaltungen an. Zu präsentieren, zu verhandeln oder miteinander im Team zu arbeiten;Softskills stehen selbst bei den meisten Privatunis nicht auf dem Lehrplan. . Längst nicht alle genießen einen tadellosen Ruf wie die Deutsch-Jordanische Universität. Viele verzichten aus Kostengründen auf aufwändige Angebote: So bietet die Philadelphia lieber Rechnungswesen an, statt ein teures Labor für angehende Naturwissenschaftler aufzubauen, ganz zu schweigen von eigenen Forschungskapazitäten. Die Professoren sind unterbezahlt, unterrichten an verschiedenen Unis, oft seit Jahren mit den gleichen Folien. Die besten Professoren zieht es ohnehin seit Jahren ins Ausland: So hat etwa die Jordan University, die beste staatliche Uni, ein Fünftel ihrer Lehrkräfte in die Vereinigten Arabischen Emirate ziehen lassen müssen. Und trotzdem strömen die Jugendlichen in Scharen an die Unis: „Alle wollen hier einen Hochschulsabchluss, vor allem die Eltern“, sagt Mona. „Das verbessert zumindest die Chance auf dem Heiratsmarkt“.<br />
Schon im Jahr 2010 attestierten OECD und Weltbank der MENA-Region ein chronisches Überangebot an Geistes- und Sozialwissenschaftlern, gleichzeitig klagen die Unternehmer in der Umfrage, keine geeigneten Mitarbeiter zu finden. Allein in Jordanien ist mehr als jeder fünfte Personaler unzufrieden mit den Bewerbern. Dabei fehlen allein in der Tourismusbranche 28.000 Arbeitskräfte, vor allem mangelt es an Handwerkern und Servicekräften. Zwar gebe es landesweit 51 so genannte Community Colleges, vergleichbar mit deutschen Berufsschulen. Die Colleges haben aber ein schlechtes Image, der Frankfurt School-Studie zufolge wissen 14 Prozent der Befragten nicht einmal, was ein Community College ist. „Die meisten Schüler gehen nur dorthin, um danach doch noch einen Platz an der Uni zu bekommen, nicht aber, um zu arbeiten“, sagt Taji.<br />
Es läuft etwas schief in einem Land, wenn junge Menschen nach dem Studium 120 Euro im Monat verdienen, während Kranfahrer für 1.500 Dinar im Monat aus Indien und Krankenschwestern aus Bangladesh oder Sri Lanka eingeflogen werden. „Wenn wir nicht aufpassen, folgen wir Ägypten oder Tunesien“, sagt Taji. Auch in Jordanien sind Menschen auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. „Zum Marsch der Millionen“ hat eine Facebook-Gruppe im vergangenen Frühjahr aufgerufen, gekommen sind damals nicht einmal 3.000.  Bekommen haben sie mal wieder eine neue Regierung, wie fast immer, wenn das Volk aufzubegehren beginnt. Seit 1944 haben König Hussein und Thronfolger Abdullah II. 61 Premierminister installiert, die durchschnittliche Regierungszeit in Jordanien beträgt 1,09 Jahre. Das Jahr 2011 hat den Schnitt gedrückt, nach den Protesten hat König Abdullah gleich zweimal die Regierung ausgetauscht. Seit Oktober bekleidet auch Nesren Barakat ihr neues Amt. Sie ist jetzt Ministerin für Soziale Entwicklung. In der Galerie im Atrium hängen die Fotos von 24 Ministern seit 1979. Ihr  Bild fehlt noch, auch das ihres Vorgängers, und von der Vorvorgängerin hängt zwar ein Foto, der Name fehlt aber. „Uns bleibt nur die Bildung. Das sichert den Frieden und die Stabilität in der ganzen Region“, sagt die Frau mit ihrer zarten Stimme. Sie trägt einen blauen Blazer zu ihrem weißen Kopftuch, eine silberne Uhr und einen Diamanten am rechten Ringfinger. Ihr Büro sieht aus, wie Ministerialbüros in Jordanien so aussehen, Kirschbaummöbel, schwere Vorhänge, schwarzes Leder, Flagge, Globus, Blumenmeer auf dem Sideboard, Flatscreen, und an der Wand hängen Portraitfotos von Ex-König, König und künftigem König. Nach der Qualität der Bildung im Land gefragt, antwortet sie, dass sie noch nicht zufrieden sei. „Der Sprung auf den Arbeitsmarkt ist unsere größte Herausforderung. Wir können das noch viel besser.“ Und dann spricht sie von einer regionalen Drehscheibe, die Jordanien im Bereich Bildung werden müsse, von Clustern bei Erneuerbaren Energien und Tröpfchenbewässerung in der Landwirtschaft, Nahrungsmittelsicherheit sei doch wichtig. Als Vorbild fällt ihr die Medical School ein, deshalb sei das Gesundheitssystem ja so erfolgreich. Ob ihr Ministerium ein eigenes Programm habe? Da muss sie ihre Assistentin fragen. Die flüstert ihr etwas vom Student Support Fund ins Ohr. „Über 13.000 Studenten haben wir einen kostenlosen Kredit gegeben“, sagt die Ministerin erleichtert. „Aber natürlich müssen wir mehr tun.“<br />
Verlassen möchte sich Faris lieber nicht auf die Politiker, reden möchte er auch nicht über sie. Er weiß, dass er unbedingt 76 Punkte braucht, um zum Master zugelassen zu werden. Und wenn er eines Tages bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Talal Abu-Ghazaleh 5.000 Euro im Monat verdienen will, muss er danach noch ein Aufbaustudium in den USA, in England oder wenigstens in Dubai dranhängen. Bei dem Gedanken daran, wie er das alles bezahlen solle und ob er die Kredite jemals zurückzahlen könne, werde ihm manchmal schon ein bisschen mulmig, sagt der 19-Jährige. Kredite wie von der ASAI oder vom Student Support Fund helfen zwar Familien wie seiner, gesamtwirtschaftlich betrachtet verschieben sie das Problem der Jugendarbeitslosigkeit aber lediglich um ein paar Jahre. „Bislang gibt es kaum erfolgreiche Programme mit Studentenkrediten“, heißt es in der Studie der Frankfurt School. Nicht umsonst meiden Banken die Studenten, weil die Ausfallwahrscheinlichkeit dieser Kredite zu hoch ist.<br />
Eine Lösung könnten so genannte Human-Kapital-Verträge bieten, sagt Taji. Dabei verpflichten sich die Studenten einen festen Prozentsatz ihres künftigen Einkommens über einen zuvor vereinbarten Zeitraum zu zahlen – an die kreditgewährende Bank oder an ein Mikrofinanzinstitut, und einen Teil des Geldes auch an die Uni. Je besser die Studienleistungen, desto geringer fällt dieser Prozentsatz aus. Das Modell fördert die besten Studenten, und zwar in Fächern, die Jobs versprechen – sonst erhalten sie keinen Kredit. Und die Unis hätten einen Anreiz, ihre Absolventen bei der Jobsuche zu unterstützen.<br />
Von Human-Kapital-Verträgen hat Nataly Arakelian noch nie etwas gehört. Almeera Yaaqbeh von der ASAI hat ihr jetzt wenigstens einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt besorgt. Solange ihre Eltern keine Arbeit haben, finanziert sie sich den Rest auf Pump. Im Dezember hat sie sich an der Al Zaytounah-University für den Bachelor in Rechnungswesen eingeschrieben.</p>
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